Gegen die spalterischen Versuche des AStA-FH Münster: Solidarität mit Dr. Natasha Kelly

Der AStA-FH-Münster verlangte von  Dr. Natasha Kelly einen inquisitorischen Fragenkatalog zu beantworten, um zu entscheiden, ob sie den geplanten Empowermentworkshop am 15.07. für das „festival contre le racisme“ durchführen darf. In ihrem Schreiben wurde auch unsere Organisation delegitimiert und gegen den Zentralrat der Juden in Deutschland ausgespielt.

In ihrem Schreiben an Dr. Kelly behauptet der AStA-FH-Münster,  Jüd:innen in Deutschland wären durch eine legitime demokratische Vertretung, in Form des Zentralrats der Juden, vertreten. Sowohl das Präsidium des ZRJ als auch der Vorstand der JS sind demokratisch gewählt, beide sprechen aber nicht für die Jüd:innen in Deutschland, weil Jüd:innen keine einheitliche Gruppe mit einer Meinung und einer Position sind und sein können. Weniger als die Hälfte der kleinen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland sind Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Deutschland. Das jetzige Präsidiums vertritt – wie bei jeder Organisation – die Positionen eines Teils der Gruppe. Der Hauptunterschied zwischen beiden jüdischen Organisationen liegt in der Unterstützung der ZRJ durch den deutschen Staat, der u.a. die Kirchensteuer des ZRJ verwaltet. Bei der Jüdischen Stimme arbeiten alle ehrenamtlich. Insofern ist die Jüdische Stimme sicherlich unabhängiger als der Zentralrat der Juden.

Die staatliche Finanzierung des ZRJ und die Verwaltung der Kirchensteuer sind  ein Zeichen dafür, wie religiöses Leben in Deutschland organisiert wird. Dies ist dem traditionellen Judentum fremd. Die meisten religiösen Jüd:innen sind Mitglieder einer Synagoge oder einer anderen jüdischen Community, andere sind nicht religiös oder haben andere Gründe, keine Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu sein. Dies ist der Fall bei den meisten jüdischen Israelis in Deutschland. Es gibt auch Mitglieder der Jüdischen Stimme, die in der Jüdischen Gemeinde  organisiert sind,  und sie kritisieren ihren Zentralrat deutlich. Jüd:innen in Deutschland sind nicht vom Rechtsruck der Gesellschaft ausgenommen. Der ehemalige Generalsekretär des ZRJ, Stephan Kramer, der liberaler als die jetzige rechtsorientierte Vertretung ist, hat mit unserer jetzigen Vorsitzenden ein Streitgespräch in der taz zu diesem Thema geführt. Diese hier sichtbare Spannung ist ein lebendiger Teil einer Demokratie, die der AStA-FH-Münster anscheinend verkennt. Die Behauptung des AStA-FH-Münster, Jüd:innen wären ein monolithischer  Körper mit einer einzigen Position, bezeugt stereotypisches Denken über Jüd:innen und ist oft Ausgangspunkt für antisemitische und rassistische  Handlungen.

Dass eine Institution der christlichen Mehrheitsgesellschaft ihre „Lieblingsjuden“ oder „legitimen Juden“ von ihren unliebsamen Juden selektiert, spricht eher für ihre Unfähigkeit Jüd:innen auszuhalten, die nicht ihrem einheitlichen Bild der Jüd:innen entsprechen.

Abgesehen vom inquisitorischen Ton, den eine Vertretung einer akademischen Institution einer Akademikerin gegenüber anschlägt, bezieht sich der AStA-FH-Münster auf „die Majorität der in Deutschland lebenden Juden*Jüdinnen“. Dieser Bezug auf die vermeintliche Wahrheit der Mehrheit zeugt von einem unhaltbaren Demokratieverständnis:  Eine Demokratie zeichnet sich durch ihren Umgang mit Minderheiten aus sowie durch den Schutz derer Rechte vor der Herrschaft einer Majorität. Nach Auffassung der AStA-Vertreter:innen wären demnach die Rechte und Interessen Schwarzer Menschen oder Sinti und Roma, Transgender oder noch kleinerer Minderheiten in Deutschland also noch weniger wichtig. Wie dieses Demokratieverständnis praktiziert wird, zeigt sich derzeit auffällig im Ungarn Viktor Orbans.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass diese Vertreter:innen sich auf Seite der Macht stellen und rechtsorientierte Christen wie Felix Klein und Uwe Becker zu ihren Sympathisanten und Unterstützern zählen. Sie maßen sich an, unserem Vorstandsmitglied Iris Hefets Antisemitismus vorzuwerfen. In Ihrem Instagram-Talk mit Dr. Natasha Kelly über die Lage in Nahost hat sie als Psychoanalytikerin die pathologischen Züge der israelischen Gesellschaft kurz analysiert. Psychoanalytiker:innen in der ganzen Welt analysieren die Pathologien ihrer Gesellschaften als Folge und Ursache politischen Geschehens: USA-amerikanische über die Trump-Ära, argentinische, brasilianische, griechische Psychoanalytiker:innen schrieben über die militärische Diktatur in ihren Ländern, und selbstverständlich auch deutsche und aus Deutschland zur Migration gezwungene Jüd:innen (wie u.a. Alexander und Margarethe Mitscherlich oder Hebert Rosenfeld). Damit versuchen sie einen Beitrag zu leisten, um diese Prozesse besser verstehen, erkennen und abwenden zu können. Dieses Recht nahm sich auch Iris Hefets und sprach, wie der israelisch-jüdische Historiker und Psychoanalytiker Dr. Eran Rollnik, von einer Ich-Schwäche der israelischen Gesellschaft: in einem „Haaretz“-Artikel von 2014 nach dem damaligen brutalen Überfall von Israel auf dem Gazastreifen, hat er Israel mit einer Essgestörten verglichen, die keine innere Kraft mehr hat, um aus ihrer selbstzerstörerischen Lage herauszukommen und deshalb eine Zwangsüberweisung und Zwangsernährung braucht. Dies dient als Metapher für eine internationale Intervention u.a. in Form von BDS, die mittlerweile von mehreren zahlreichen Israelis gewünscht wird – darunter die Menschenrechtsorganisation B’tselem, die wie Human Rights Watch Israel des Verbrechens der Apartheid bezichtigt.

Die Palästinasolidaritätsbewegung wächst weltweit trotz mehrerer Zensurversuche, erkennbar an den Absagen von Räumlichkeiten, Bundestagsresolutionen, einer aufwendigen und teuren Zusammenarbeit der israelischen mit der deutschen und anderen westlichen Regierungen. Die Reden, Interviews, Posts und andere Beiträge der Mitglieder der Jüdischen Stimme über die social media, die nicht unter der engen Kontrolle der deutschen Mehrheitsgesellschaft stehen, werden mittlerweile von Tausenden Menschen weltweit gesehen, gehört und gelesen. Genau diese Regierungen unterstützten bis zum Ende das Apartheidregime in Südafrika und weisen bis heute rassistische Strukturen auf.

Dass die Analyse von Iris Hefets oder das Logo zum Boykott der Eurovision in Israel bei vielen Deutschen antisemitische Assoziationen hervorrufen, zeigt eher etwas über ihre innere  Verfassung und Ängste. Statt diese Assoziationen zu reflektieren,  werden sie Jüdin:nen bzw. anderen BIPoCs wie Palästinenser:innen unterstellt und der Antisemitismus-Vorwurf  auf sie projiziert. Iris Hefets ist erst mit 37 Jahren nach Deutschland aus Israel ausgewandert und wurde zionistisch sozialisiert. Die auf sie projizierten antisemitischen Stereotype und Legenden waren nicht Teil ihres eigenen Familienlebens bzw. des israelischen Erziehungssystems: Sie wuchs in einer jüdischen Gesellschaft auf, die sich von solchen antisemitischen Bildern zu emanzipieren versuchte. Christliche Mythen waren dort nicht verbreitet, das sogenannte Neue Testament samt seinen antisemitischen Teilen weder bekannt noch gelesen – es gibt für Juden nur ein Testament, die Bibel, und sie ist nicht veraltet. Von der Legende der Brunnenvergiftung hörte sie zum ersten Mal erst viel später. Insofern agieren hier die AStA-Vertreter:innen der FH-Münster in der rassistisch-antisemitischen christlichen Tradition, in der sie die Ängste und Frustration ihrer Mitglieder durch Projektion zu entlasten versuchen und dafür eine Jüdin bzw. Schwarze Frau als Projektionsfläche funktionalisieren. Dafür wird die Geschichte missbraucht und pervertiert, indem ungehemmt eine Täter-Opfer-Umkehr vorgenommen wird.

Ein weiterer spalterischer Versuch wird unternommen, wenn Dr. Natasha Kelly – eine Schwarze Wissenschaftlerin und BLM-Aktivistin – aufgefordert wird, sich von Palästina Spricht und von der Jüdischen Stimme zu distanzieren, wenn sie den Workshop wie geplant halten möchte. Diese Versuche einer Gruppe aus der Weißen Mehrheitsgesellschaft, einen Keil zwischen Gruppen von Minderheiten zu treiben, um ihre Herrschaft aufrechthalten zu können, ist bekannt. Sie wird angesichts der steigenden Solidarität zwischen den BLM-, Palästinasolidaritäts- und jüdischen Emanzipationsbewegungen vermehrt auch in den USA unternommen.

Dr. Natasha Kelly, promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, ließ sich nicht in das inquisitorische Vorgehen der AStA-FH-Münster-Vertretung verwickeln. Sie identifizierte die tieferen Ebenen des Textes, mit seinem Subtext und Kontext und reagierte souverän, ohne sich dem white supremacy der Student:innen zu unterwerfen. Jede inhaltliche Antwort auf ihrem Fragenkatalog hätte bedeutet, dass sie ihre Befragung durch White Supremacists als berechtigt empfindet. Sie folgte somit auch anderen PoCs, die von deutschen Institutionen rassistisch angegriffen wurden, wie Kate Tempest, Talib Kweli, die Young Fathers und andere. Die Jüdische Stimme steht solidarisch mit Dr. Natasha Kelly gegen das undemokratische, rassistische und antisemitische Verhalten des AStA-Münster. Wir fordern Respekt vor der Vielfalt der Stimmen von Schwarzen, POC und Juden. Wir sprechen unserem Vorstandsmitglied Iris Hefets und allen Menschenrechtaktivisten, die sich trotz der anhaltenden Versuche, uns zum Schweigen zu bringen, kompromisslos für die palästinensischen Menschenrechte einsetzen, unsere  tiefe Wertschätzung aus. Wir lassen uns nicht durch die Weiße Vorherrschaft spalten. Wir hoffen, dass Dr. Kellys Reaktion auch als Vorbild und Empowerment für BIPoCs und Frauen, die besonders unter patriarchalischen Herrschaftsstrukturen leiden, dienen wird.

Unser Engagement für Menschenrechte ist nicht staatsabhängig. Wir stehen damit in der Tradition jüdischer Werte. Das Völkerrecht, zu dem eine Reihe jüdischer Jurist:innen ihren Beitrag geleistet haben, ist für uns wegweisend. Wir schöpfen unsere Kraft aus unseren Familiengeschichten, die vom Post-Kolonialismus, Genozid, Rassismus und Antisemitismus geprägt sind. Aus dieser Erfahrung sind unsere natürlichen Verbündeten Menschen aus Minderheiten wie Muslime in Deutschland, Sinti und Roma, Schwarze Menschen, die LGBTQ-Community usw. Unsere Vorbilder sind Frauen wie die Schwarze Feministin Angela Davis, die in Solidarität zu Palästina seit den 1960er Jahren steht und die vor kurzem gestorbene Holocaustüberlebende und Antifaschistin bis zu letzten Atemzug, Esther Bejerano, die BDS unterstützte.