Liebe Organisateur:innen des „Dear White People…Let`s Break the Silence!“ Festival

Ich habe eure Einladung zu der Gesprächsrunde „Wie kann ein Sprechen zur Situation in Israel und Palästina in Deutschland möglich werden?“ empfangen und würde meine Antwort darauf gerne öffentlich machen. Ich antworte aus einer respektvollen Haltung gegenüber eurer Arbeit und eurer kritischen Mission des Festivals, Kolonialismus und Rassismus sowie zentrale Gruppen, die Unterdrückung erfahren, zu thematisieren.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich eure Einladung wertschätze. Das tue ich aber nicht, da ich eingeladen wurde, weil man meine Mitstreiter:innen von „Palestine Speaks – Freiburg“ zum Schweigen gebracht und vom Festival ausgeschlossen hat, als ihre Teilnahme sowie ihr Workshop zu anti-palästinensischem Rassismus am 17. Mai abgesagt wurde. Wie könnte ich Menschen, vor allem BIPoC Menschen, in die Augen schauen, wenn ich selbst, als israelische Staatsbürgerin, zu den Kolonisierer:innen gehöre (zu den „Dear White People…“)?

Ihr habt massiven Druck, wenn nicht sogar direkten Zwang erfahren. Tatsächlich habt ihr das erfahren, was Palästinenser:innen , und auch uns, die wir uns mit palästinensischen Menschen und ihrem Kampf um die Befreiung von israelischem Kolonialismus und israelischer Apartheid solidarisieren, jeden Tag erleben. Wie Eure Stellungnahme auch beweist, gab es keinerlei begründete Antisemitismusvorwürfe gegen „Palestine Speaks – Freiburg“. Trotzdem hat der ausgeübte Druck gereicht, um die Kooperation mit der Gruppe zu beenden. Es ist ersichtlich, dass Sie sich trotzdem bemüht haben und dass Sie sich bewusst waren, wie schädlich es für eine solche Gruppe ist, sich dem anti-palästinensischen Druck zu unterwerfen. Auch, wie sehr eine bereits ausgeschlossene und marginalisierte Gruppe durch so ein Vorgehen delegitimiert wird. Dennoch habt ihr irgendwann dem Druck nachgegeben.

Ein solche Tyrannei, oft von der Drohung eines Ressourcenabzugs in Sachen öffentliche Orte und Finanzierung begleitet, ist uns aus den letzten Jahren und unseren vielseitigen Erfahrungen im politischen Organisieren in Deutschland durchaus bekannt.

Eure Erfahrung demonstriert die häufige Instrumentalisierung von Antisemitismus für die politische Agenda des anti-palästinensischen Rassismus und israelischen Kolonialismus. Die bloße Existenz von palästinensischen Menschen ist für Unterstützer des israelischen Regimes offensichtlich ausreichend, um vage Antisemitismusvorwürfe zu machen. Für die anderen ist die Angst vor einer antisemitischen Brandmarkung so stark, dass Institutionen sich schlussendlich in die kolonialen und rassistischen Agendas einreihen.

Man könnte es fast schon als sarkastisch beschreiben, dass eine grassroots Organisation, die „Palestine Speaks“ heißt, in einem Festival unter dem Namen „Lets Break the Silence“ zum Schweigen gebracht wird – wenn es nicht so beängstigend wäre und so viele Menschenleben kosten würde. Die Kündigung der Partnerschaft demonstriert präziser als jede Podiumsdiskussion, wie anti-palästinensischer Rassismus und das zum Schweigen bringen von Palästinenser:innen in Deutschland funktioniert. Man kontrolliert Ressourcen und Machtpositionen in öffentlichen Institutionen, bedroht mit individuellen und kollektiven Auswirkungen. Man macht absurde Antisemitismusvorwürfe mit einem Schreckgespenst namens BDS.

Obwohl ich der Podiumsdiskussion absagen muss, würde ich gerne auf die Leitfrage des Gesprächs antworten, wie das Sprechen über Israel und Palästina möglich gemacht wird. Es ist tatsächlich sehr simpel:

Erstens müssen Palästinenser:innen sprechen können, ohne zensiert und  zum Schweigen gebracht zu werden, unter eigenen Bedingungen und als autonomes politisches Subjekt. Die Redefreiheit palästinensischer Menschen darf weder von der israelischen Botschaft in Deutschland noch von reaktionären jüdischen Institutionen, die sich mit einem Apartheids-Siedlerkolonialismus Staat und weißem deutschem Establishment aufreihen, bestimmt oder lediglich beeinflusst werden.

Zweitens braucht man Integrität und Mut. Das bedeutet, dass man seine eigene antirassistische Politik entwickeln muss und darauf vorbereitet ist, als Antisemit:in bezeichnet zu werden, solange man weiß, dass das nicht wahr ist. Man braucht auch den Mut, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Israel ist nicht erst letzten Monat zu einem Apartheidsstaat geworden, es war schon seit der Gründung vor 73 Jahren einer – und Human Rights Watch hat das vor Kurzem bestätigt. Ihr sprecht von einer „Eskalation in Israel und Palästina“, wenn ihr eigentlich auf ein Massaker an unter Besatzung lebenden Menschen in Gaza, ethnische Säuberung und eine Welle von polizeilich sanktionierter Gewalt sowie Massenverhaftungen in ganz Palästina verweist.

Drittens, unglücklicherweise, muss man bereit sein, einen Preis zu zahlen. Die israelische Botschaft könnte eure Gastgeber anrufen und verlangen, dass ihr ausgeladen werdet, finanzielle Unterstützer werden ihre Finanzierungen zurückziehen, vielleicht werdet ihr in Deutschland weniger anstellungsfähig. Ein hoher Preis für jene, die eventuell bereits im deutschen Arbeitsmarkt diskriminiert werden…Ihr werdet vielleicht wählen müssen, ob ihr eine antikolonialistische palästinensische Gruppe, die nichts falsch gemacht hat, ausschließt, oder ein Festival, dass ihr monatelang kuratiert und vorbereitet habt, absagt. Ich frage mich, ob dies das Dilemma ist, auf das ihr gestoßen seid. Es sind eben solche Dilemmata, die die Grenzen unserer Solidarität austesten.

Der enorme Druck und die Einschüchterung, die ihr erlebt habt, ist, wie ich glaube, Weiße Vorherrschaft in Aktion: mit einem festen Griff am Geldhahn, sowie am öffentlichen Diskurs.

Es ist wichtig, dass ihr euch an Juden und Jüdinnen für eure Orientierung über Antisemitismus wendet. Ich lade euch herzlich ein, meinen Artikel Why Germany gets it wrong about antisemitism and Palestine zu lesen. Wie ihr wisst, sind nicht alle Juden und Jüdinnen gleich. Ihr seid herzlich eingeladen, euch an anti-rassistischen, anti-kolonialistischen und queerfeministischen jüdischen Gruppen zu orientieren. Wir werden nicht staatlich subventioniert und haben auch keine Schlüsselpositionen im deutschen Establishment inne, aber wir gehen Seite an Seite in Solidarität mit Roma und Sinti, mit Black Lives Matter, mit migrantischen Gruppen und Gruppen geflüchteter Menschen.

Genauso wichtig ist es, dass ihr euch an palästinensische Menschen wendet, wenn ihr euch über anti-palästinensischen Rassismus informiert.

Ich schließe mich mit ganzem Herzen dem Aufruf von „Palestine Speaks“ an die Organisateur:innen des „Dear White People“ Festivals an, gemeinsam dem zum-Schweigen-bringen-Wollen Widerstand zu leisten. Solange wir uns weigern, uns gegenseitig zum Schweigen zu bringen, wird man uns nicht mundtot machen können. Palästina spricht. Hören wir zu?

In Solidarität,

Inna Michaeli