Schmerz, Zorn und trauirige Nachdenklichkeit: nach Halle und vor Hanau

Unsere erste Vorsitzende und Mitbegründerin, Prof. (em) Fanny Michaela Reisin antwortet ihrer langjährigen Freundin: “Schmerz auch, dass jenes Döner-Restaurant, das der Täter nicht von ungefähr, sondern wie die Synagoge auch, in voller Absicht zum Ziel seines Massaker- und Zerstörungsvorhaben gemacht hatte, in der Berichterstattung von Medien aber auch institutionell Zuständigen, wenn schon nicht gänzlich verschwiegen, so doch – und nicht minder schlimm – als zweitrangig klassifiziert ist.”

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Am 10.10.19, 08:56, schrieb Christine H.:

Liebe, liebe Fanny,  eben habe ich mit Jörn nochmals Nachrichten gehört. Die brutalen Einzelheiten. Seit gestern Abend denke ich immer wieder zu Dir hin. Ich war zum Trommeln und habe von der Tat in Halle erst durch die Spätnachrichten erfahren.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es Dir geht, was Du fühlst, was Du denkst.

Ach Du, kann ich irgendetwas für Dich  tun?

Ich bin heute überwiegend zu Hause.

Umarmung   Christine

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Am 10.10.19, 18:33, schrieb FMR:

Gestern Abend und heute Morgen trafen vier weitere, ähnlich empathische Emails ein.

Ich antworte meiner langjährigen Freundin Christine ausführlich, so dass alle anderen mit erfahren, was mich seit gestern umtreibt.

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Liebste Christine,

ich war von vorgestern, Dienstagabend bis gestern Abend in der Synagoge; einen ganzen Tag von Abend zu Abend, gefastet und gebetet (geschlafen habe ich nachts zu Hause).

Yom Kippur ist der Tag, an dem die Synagogen am vollsten sind.

Insofern wird es kein Verwirrter, sondern ein Wissender gewesen sein. Er wusste in jedem Fall, (was immer er auch sonst – mit und ohne Hintergrund – wusste), dass sein Ziel, das da hieß, mit seiner Ausrüstung die höchst möglich Anzahl Juden zu ermorden, durch einen Bombenanschlag auf die, nur am Yom Kippur sehr volle Synagoge, erreicht hätte werden können. Voll sind die Synagogen deshalb, weil wir am Yom Kippur, dem Tag der Selbstbesinnung und Bitte um Versöhnung, vor allem auch wechselseitig von mir zu alter – in der Synagoge versammelt sind und ungeachtet der Vergehen jedes und jeder Einzelnen, gemeinsam um Entschuldung und Vergebung beten.

Meine Betnachbarin zur rechten Seite war mittags nach Hause gegangen, um das familiäre  “Anbeißen” – so heißt das Essenfassen am Ende des höchsten jüdischen Feiertages – vorzubereiten. Sie berichtete bei ihrer Rückkehr von dem Anschlag in Halle.

Du fragst nach meinen Empfindungen?  (Mit-) Schmerz, Zorn – traurige Nachdenklichkeit.

Schmerz

Schmerz über das in Halle angegangene und wie ein Wunder ausgebliebene Massaker an betenden Juden in der G’tt sei Dank auch unzerstört gebliebenen Synagoge. Schmerz, dass die beiden Ermordeten, eine Frau – zufällig oder nicht – auf der Straße vor der Mauer des Jüdischen Friedhofs sowie ein Mann – zufällig oder nicht – gerade Gast in einem Döner-Restaurant bis jetzt, immerhin einen ganzen Tag danach, anonym vermittelt, in den Hintergrund der Berichterstattung geraten. Kenne leider keine genauen Gründe. Zwei Menschen haben ihr Leben verloren. Das ist doch eine Katastrophe! Warum wird davon so wenig gesprochen?

Schmerz auch, dass jenes Döner-Restaurant, das der Täter nicht von ungefähr, sondern wie die Synagoge auch, in voller Absicht zum Ziel seines Massaker- und Zerstörungsvorhaben gemacht hatte, in der Berichterstattung von Medien aber auch institutionell Zuständigen, wenn schon nicht gänzlich verschwiegen, so doch – und nicht minder schlimm – als zweitrangig klassifiziert ist.

Der Angriff auf das Döner-Restaurant kommt auch in der medialen Berichterstattung kaum vor.

Möglicherweise sind die Ermordeten nicht jüdischer Herkunft. Möglicherweise stört die Erwähnung des Döner-Restaurants im selben Entsetzen das hierzulande übliche – von uns in der Jüdischen Stimme e. V. (JS) seit langem beklagte – Ausspielen von  Antisemitismus gegen alle andere Formen von Rassismus.

Vielleicht irre ich. Hoffentlich, hoffentlich(!) täusche ich mich.

Es ist nämlich Gewalt gegen Menschen jüdischer Abstammung keinen Deut schmerzlicher als die gegen Angehörige anderer Minderheiten, die von faschistisch gesinnten deutschstämmigen Nationalisten gleichermaßen als “undeutsch” abgestempelt, zu Mindermenschen gemacht werden. Es kann daher nicht richtig sein, Antisemitismus mit höchster Priorität und die anderen Auswüchse rassistischer Menschenverachtung und Gewalt nur mit nachrangiger Dringlichkeit zu ahnden.

Beschämend, dass dieses – im Kern ebenfalls als zutiefst rassistisch zu beurteilende – Spiel vom Zentralrat der Juden in Deutschland nicht durchkreuzt, sondern mitgespielt wird. Vielleicht wird dem Vorsitzenden, Herrn Dr. Josef Schuster, der in den jüngst vergangenen Jahre unentwegt etwa syrische Flüchtlinge als antisemitisch qua Nationalität sowie hier und dort auch pauschalisierend arabische Muslime als judenfeindlich verunglimpfte, spätestens jetzt deutlich, wie fehlgeleitet eine Politik ist, die von den Gefahren ablenkt, die hierzulande vor allem von den militant rechtsradikal bis faschistisch gesinnten Kräften deutsch-deutscher Provenienz ausgehen.

Wem hilft, wem nützt, die Einengung des Blicks auf “jüdisches” Leid (sic!) sowie lautstarkes Beklagen vornehmlich jüdischer Opfer von Rassismus hierzulande?

Fast scheint es, als wolle sich die Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft mit der öffentlich gern verbreiteten Kunde von einer “besonderen Verantwortung” für die deutsche Geschichte (neuerdings ergänzt durch den Verweis auf einen “Israel-bezogenen Antisemitismus” muslimischer Flüchtlinge und Migranten),  selber einreden, dass mit der Zuerkennung einer für Juden exklusiven Berechtigung auf besonderen Schutz gegen Gewaltübergriffe dem, seit langem nach wie vor in den Köpfen tiefverwurzelten, allenthalben grassierenden, rasant eskalierenden deutsch-nationalistischen motivierten Rassismus allgemein und mithin Antisemitismus im Besonderen beizukommen sei.

Selbstverständliche staatliche Pflicht wäre es, jedes potentielle und aktuelle Opfer mit allen denkbaren Mitteln vor rassistischen Übergriffe zu schützen. Wird indes vorrangig Antisemitismus und Judenhass in den Blick genommen, bleibt die Virulenz etwa einer allerorts präsenten, anti-muslimischen “Pegida”-Bewegungen außer Betracht (zur Erinnerung: Die deutsch-nationalistische “Pegida” steht in altgewohnter Großraummanie für “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes”).

Besser wir merken nicht, wie breit und tief die Epidemie “Deutschland den Deutschen” schon in die Denke der Volksmitte eingedrungen ist? Besser wir sagen nicht, dass es schon längst nach 12:00 ist?

In jüngster Zeit werden zusätzlich “Israel-bezogene” Antisemitismen konstruiert, um im Schulterschluss mit dem Staat Israel die Solidaritätsbewegung mit Palästina mundtot zu machen.  Menschenrechts- und Friedensvereinigungen, die – wie etwa die JS auch – öffentlich nachvollziehbar für Grund- und Menschenrechte gegen jede Form von rassistischer Gewalt, Nationalismus und Militarismus eintreten, wird das Grundrecht auf Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit versagt, weil sie gegen die israelische Besatzungs- und Apartheidpolitik aufstehen.

Gleichzeitig gehört die Verortung von Terror vorrangig bei “Muslimen” im Rahmen der staatlichen “Terrorismusbekämpfung” ebenso wie die Rede vom “islamischen Terrorismus” zum amtspolitischen Alltagvokabular ebenso wie zur Berichterstattung medialer und sonstiger Informationskanäle. So als gäbe es allenthalben eine stillschweigende Ermächtigung, Menschen muslimischer Herkunft öffentlich zu beleidigen, unentwegt zu besudeln, wenn nicht gar hetzerisch zu jagen.

Dabei muss ja gar nicht unterstellt werden, dass dies alles bewusst und in der Absicht passiert, die Aufmerksamkeit von den rassistisch motivierten Gewaltübergriffen und Mordanschlägen abzulenken, die deutsche Terroristen hier im Lande an den Tag legen. De facto ist dies aber nun seit Jahren der Fall!

Ich kenne die wechselseitigen Feindseligkeiten und Aggression zwischen Israel und den meisten arabischen Staaten. Übrigens seit Kindheit von innen! Auch liegt es mir fern, zu bagatellisieren, dass gewalttätige Israel- und Judenfeinde in Europa, zumal auch in der Bundesrepublik Deutschland, Rache und Abrechnung im Schilde führen, sprich Mordanschläge im Namen Allahs, zum Siege des Jihads, Islams oder zum Rächen der Vergehen Israels und seiner Verbündeten am jeweils eigenen Volk. Das darf doch aber nicht zu einer pauschalisierenden Brandmarkung von Muslimen und erlaubten Gleichsetzung von Terror und Islam führen. Genau dies legitimierte doch – gewollt oder nicht – alle Formen von Rassismus und mithin auch Antisemitismus in Deutschland.

Dieser Anschlag in Halle hatte, um dies noch einmal deutlich zu sagen, die Ermordung möglichst aller in der Synagoge versammelten Juden zum Ziel. Jedem Juden und jeder Jüdin hierzulande ist immer klar gewesen, dass viel über die Shoa, über Juden und über die historische “Last” (nicht etwa Trauer und humanistisches Gebot des angenommenen Erbes) gesprochen wird, indes ein antisemitischer rechtsradikaler, alt- und neu-nazistischer Humus immer fruchtbar geblieben ist.

Mehr oder weniger geduldet, bisweilen geflissentlich bewässert, meistens mit stillschweigender Aufmerksamkeit bedacht.

Mir ist in den 60 Jahren meines Lebens in Deutschland ein solcher Anschlag, in der Absicht, die meisten Mitglieder einer örtlichen jüdischen Gemeinde zu ermorden und ihre Synagoge zu zerstören, nicht erinnerlich. Seltsamerweise bin ich, wenn ich in mich horche, keineswegs überrascht.

Wie oft habe ich, haben wir gemeinsam die augenscheinliche Vollblindheit staatlicher Institutionen gegen die unverkennbar systematische Organisierung und Militarisierung von faschistisch gesinnter Zusammenrottungen beklagt, die sich sogar ausdrücklich als Feinde von Menschenrechten und Demokratie zu erkennen geben?

Wie oft haben wir gemahnt, dass die Straflosigkeit solcher Umtriebe das Grundgesetz und die Rechtsstaatlichkeit schädigt? Wie oft haben wir gemahnt, dass all dies verheerende Folgen zeitigen könnte?

Bis dato nicht geklärt und entsetzlich unerklärlich ist doch, warum in diesem Lande neun Morde und weitere Mordanschläge gegen – vor allem türkische – Migranten geschehen mussten, ehe sich die Zuständigen im Staate bereitfanden, einen Nationalsozialistischen Untergrund (gen. NSU) und die eigene Rechtwärtsblindheit selbst geschaffener und institutionalisierter Strukturen zu ent-decken. So genannte Hüter der Verfassung schredderten alle Dokumente, die Aufschluss hätten geben können.  Von der politischen Elite wurde der Rassismus “in der Mitte unserer Gesellschaft” ihre Rechtslastigkeit beklagt. So als hätte es jene – in jüdischen Kreisen immer wieder erzählte – Geschichte vom Hering und seinem Kopf nie auch in die oberen Etagen der Volksparteien geschafft.

Wahrlich besorgniserregend ist indes, dass seit den seinerzeit, 2011, so vollmundig und lautstark propagierten Er- und Bekenntnisse, inzwischen – nicht einmal 10 Jahre “danach” – abermals so viele Morde zu beklagen sind!

Ist es nicht gängige, sattsam erlebte und durchlittene Praxis hierzulande, dass Mahnungen, die von AktivistInnen und professionellen Sachverständigen an der Basis gesellschaftlicher Wirklichkeit als dringlich und alarmierend kundgetan werden, von zuständigen staatlichen Institutionen politisch regelmäßig ignoriert, wenn nicht sogar zu diskreditiert werden?

Inzwischen haben NGOs, die zum Schutz von Opfern rassistischer Übergriffe angetreten sind, selbst in Berlin Schwierigkeiten, Gewalt gegen Sinti und Roma, Schwarze, Muslime und wie immer auch aus deutschnationalistischer Brille als “fremd” Diskriminierte überhaupt noch als Nachricht in den Medien unterzubringen. Rassistische Einzelmorde (sic!) sind längst kein Skandal mehr. Eine schmallippige Meldung in Funk-, ein Absatz in Print-Medien – das war’s.

Ich vermute, dass all dies den Hintergrund umreißt, der mich als Jüdin immer auch in der Furcht beließ, dass in der Bundesrepublik Deutschland zwar vieles zum Guten stehe, die Möglichkeit aber von Gruppen- oder gar Massenmorde an unliebsamen Minderheiten – natürlich auch an Juden! – eben nicht gebannt sei. Du feierst das Grundgesetz und spürst die Furcht. Spätestens seit den Mordanschlägen auf Flüchtlings- und Migrantenhäuser in Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen Anfang der 1990er und eben den NSU-Morden Anfang des 21. Jahrhundert eine leise zwar aber doch reale Angst.

Es kann doch nicht so schwer sein, zu begreifen, dass jeder gewalttätige Übergriff und fraglos auch jeder Anschlag auf “nur” sachliches Hab und Gut, wie etwa das eigene Haus, Auto, die Kippa, das Kopftuch etc. Menschen körperlich und seelisch – oft unheilbar – verletzt. Auch muss doch allenthalben vollkommen klar sein, dass Mord und Totschlag, völlig egal, ob an Roma, Moslems, anderen People of Color, oder Juden verübt, unwiederbringlich Leben zerstört und im Leben der hinterbliebenen Angehörigen und ganzer Gemeinschaften für immer ein tiefes Loch reißt.

Sobald die Stunde des Humus gekommen ist und der Boden – wieder einmal – “überquillt”, weil die Mörder im Lande ihre Sache selbst in die Hand nehmen und mit eigenen Taten von sich reden machen, vernehmen wir jene, wie ein Mühlrad ständig wiederkehrenden, immer weniger sagenden Worte von “Scham und Schande”, die mediale Wellen zum Überschäumen bringen. Sonst gar nichts. Weckrufe an einem Morgen, da “uns” plötzlich die Schuppen vor den Augen fallen und eine rechtsradikale Gefahr im Lande erkennbar ist, die allen “aufrechten Demokraten” mit voller Wucht auf die Füße zu fallen droht.

Dabei wissen doch alle, alle(!), die von rechtspopulistischer Hatz und Ausgrenzung hierzulande betroffen und ebenso alle, die “an der Basis” ehrenamtlich oder professionell mit Rassismus befasst sind, dass niemand, buchstäblich niemand! im Lande sagen dürfte, er oder sie habe nicht gewusst.

Ich bleibe dabei:

Jede Form von Rassismus muss – wie es in der Satzung der JS heißt – mit allen politischen und legalen Mitteln entschieden bekämpft werden. Ganz gleich wo, wie, von wem und gegen wen solch engstirnig tumb gesinnte Ausgrenzung praktiziert wird:

Es gilt jeder auch noch subtile Form des Rassismus entgegenzutreten!

Solange rassistisch motivierte Gesinnungen und selbst die zur äußersten Gewalt gesteigerte Menschenverachtung sich hier und anderswo ausagieren und Xenophobie-Bewegungen à la Pegida sich kaum noch beanstandet ausbreiten, solange in Staat und Gesellschaft Vorurteile gegen und Vorverurteilungen von Menschen aufgrund äußerer Merkmale ihrer Gewordenheit allenthalben Gang und Gebe sind, wird es keinen Ort geben, an dem sich Juden sicher fühlen können. Nirgendwo.

Juden sind weltweit ein eher kleines religiöse Minderheitsvolk. Unsere einzige “Absicherungsoption” ist die Solidarität mit allen, die potentiell und aktuell rassistisch motivierter Gewalt ausgesetzt sind, sowie die Verbindung und Vereinigung mit allen Ächtern des menschenfeindlichen Syndroms “Rassenhass”, das sich im Schlepptau von Nationalismus, Imperialismus und Herrenvolkmanie allerorts epidemisch ausbreitet!

Gemeinsam in Solidarität und Widerstand gegen alle Formen von Rassismus werden sich – davon bin ich überzeugt – auch jene, gegen uns Juden, vorgeblich wegen unserer Abstammung, Anschauung, Religion, äußeren Erscheinung o. ä. gerichteten Feindseligkeiten in die Schranken weisen und langfristig bezwingen lassen.

 Zorn

Die Synagoge in Halle war, anders als die von mir in Berlin besuchte, polizeilich nicht geschützt. Die dort ansässige Jüdische Gemeinde hatte nach Aussagen ihres Vorsitzenden mehrfach darum gebeten. Vergeblich. Obgleich bei Lichte besehen, zu keinem Zeitpunkt auch nur geringste Zweifel bestanden haben konnte, dass die Beterinnen und Beter dort immer der Gefahr rassistischer Übergriffe ausgesetzt gewesen sind.

Es ist nach meinem Dafürhalten kein Zufall, dass in Sachsen-Anhalt, dem Land, in dem ich mehrfach erfahren habe, dass Rassismus für Politik, Polizei und Justiz ein Non-Thema ist, das Ersuchen des Vorsitzenden einer Jüdischen Gemeinde um polizeilichen Schutz vor gewalttätigem Antisemitismus seit Jahren auf Granit stößt.

Wir beobachten die Zustände in Sachsen-Anhalt seit vielen Jahren und haben diverse Erfahrungen mit den jeweiligen staatlichen und politischen Institutionen dort. Du erinnerst Dich sicher, dass ich für die Liga sowohl in Dessau als auch in Magdeburg die Prozesse zu dem bis heute nicht aufgeklärten Fall Oury Jalloh beobachtet habe, der in der Isolationszelle der Dessauer Polizei bei lebendigem Leib verbrannte (verbrannt worden ist?).

Wir rufen seit langem dazu auf, dass Augenmerk auf dieses Bundesland zu lenken, das von nazistischen Seilschaften durchwirkt ist und durch die hohe Anzahl rassistischere Gewaltübergriffe viele Jahre die vorderen Positionen der BKA-Statistik belegte. Vergebens. Auch nachdem bekannt wurde, dass die AFD dort die meisten Wahlstimmen holte, dass Angehörige der Polizei an nazistischen Waffenübungen beteiligt sind, und, und, und sah das Bundesministerium für Inneres, dem auch das Bundeskriminalamt zugeordnet ist, keine Notwendigkeit, in Sachen, Rassismus, Selbstjustiz, Gewalt (auch von AmtsträgerInnen) oder auch tönender Volksverhetzung politischer Wortführer dort, den diesbezüglich bestehenden Verfassungsgrundsätzen Geltung zu verschaffen. Keine der etablierten Parteien verfolgt all dies konsequent. “Ist in meinem Wahlkreis kein Thema. Im Interesse meiner eigenen Wählbarkeit, lieber nicht” habe ich oft von Landkreiskandidaten unterschiedlicher Parteien gehört.

Hier findet sich nun der Beleg, dass von zuständiger Seite im Lande weggeschaut, geduldet und hingenommen wird, was laut Gesetz bestraft werden müsste. Der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident, Reiner Haseloff und ebenso Innenminister Holger Stahlknecht, beide CDU, besetzten während der letzten zwei Legislaturperioden und auch durchaus schon lange davor führende Positionen im Lande. Ich kann ihnen, ihre nunmehr zur Schau getragene Bestürzung beim besten Willen nicht abnehmen. Ich glaube ihnen kein Wort!

Traurige Nachdenklichkeit

Als ich kürzlich meiner Familie anlässlich ihrer Auswanderung nach Israel beim Abschied sagte, dass ich Sorge hätte, weil es dort z. Zt. angesichts der Zuspitzung eines Konflikts zwischen den USA und Iran so gefährlich sei, um ihnen zu versichern, dass alle bei mir immer Platz finden könnten,  antwortete meine Schwägerin, “… und hier? Ist es hier weniger gefährlich?”

 

Wehret den Anfängen ist schon längst vorbei.

Nein, ich empfinde den Schmerz nicht besonders brennend, weil diesmal Menschen jüdischer Abstammung das Hauptziel waren. Traurig und nachdenklich, vielleicht auch etwas weh- und selbstmitleidig macht mich, dass all unsere “Aufstände”, Mahnungen, Einlassungen und Demonstrationen und Aktionen für Menschenrechte und Demokratie dieses Grundübel “Xenophobie und Rassismus” nicht aus der Welt zu schaffen vermochten. Es bedarf ja schon längst keiner Beweise mehr, dass der Begriff “Rasse” für Menschen nicht greift und Aversion sowie Angst gegen “Art-Fremdem ” der menschenen Natur nicht eingeschrieben, sondern allenfalls anerzogen.

Ich will einfach nicht glauben, dass die so viel Energie zu so üblen Zwecken einbindende und vergeudende Feindseligkeit von Menschen gegen Menschen nicht überwunden werden kann. Und doch bekümmert es mich, dass es so lange braucht. Immerhin, während unserer gesamten Lebenszeit sind doch Ausgrenzung, Mobbing und tätliche Gewalt gegen Menschen wegen rassistischer Vorurteile allerorts virulent und gefährlich geblieben.

Ich habe es Dir oft gesagt, liebe Freundin, seit den ersten diesbezüglichen Begegnungen vor fast 40 Jahren anlässlich Deines selbstkritischen Vortrags im Rahmen der antirassistischen Woche an unserer TU zur “Weiblichen weißen Dominanzkultur”, die Dir nicht nur zu-, sondern seit Geburt eingeschrieben sei,  eigentlich immer wieder:

Jeder Angriff auf die Unversehrtheit des Lebens und leiblichen Wohls auf Ausgegrenzte ist für mich ein rassistischer Anschlag auf meine Integrität als bekennende Jüdin, die ich mich folglich bewusst und gewollt zur jüdischen Minderheit hierzulande und anderswo zähle. Ein Anschlag auf meine Integrität! Nicht nur im übertragenden Sinne und auch nicht nur im Kopf, sondern vermittelt als Realangst und Schmerz – körperlich und seelisch gespürt.

Mir gelang es über meine wissenschaftliche Arbeiten, die mir überlieferte Angst speziell vor Antisemitismus in eine Empfindsamkeit für jede noch so sublime Form von Rassismus zu transformieren, was zugleich auch Ausdehnung der Verletzlichkeit bedeutet. Oft sagte ich dann – Du erinnerst Dich vielleicht – im Scherz, ” … ich, die immer zu kurz Gekommene, wünschte mir so sehr, weniger Verletzlichkeit”. Und doch bin ich mit dieser Art “verallgemeinerter” Verwundbarkeit durch alle Formen rassistischer Vorurteile und Gewalt unabweisbar gewachsen. Ich bin froh, dass es mir gelungen ist.

Deshalb bitte ich Dich um Verständnis, wenn ich für Deine in gut gemeinter Empathie geschriebene Email danke, gleichzeitig aber nicht glaube, dass Du etwas anderes für mich tun kannst, als radikale und allerorts, wo Du bist und, wann und wie Du kannst, demonstrative Widerständigkeit gegen alle Formen von Rassismus zu üben. Auch, aber eben nicht nur und nicht vorrangig gegen Antisemitismus.

Ich weiß im Moment nichts Besseres als das. Zumindest ist es das, was ich – so gut ich kann – selber für mich tue. Und, wenn inmitten vieler anderer gemeinsam mit potenziellen oder schon Opfer gewordenen Roma, Palästinensern, Syrern, Afrikanern usw. zusammenstehe, kann ich solche Solidarität und Widerständigkeit, wie schon oben gesagt, förmlich als sinnstiftenden Beitrag zur Besserung der Dinge mehr als nur begreifen, wahrhaftig erleben – ähnlich wohltuend wie Empathie und Liebe.

Klingt alles etwas hölzern lehrmeisterlich. Wo doch Empfindsamkeit und Wachsamkeit für jede Form von Ausgrenzung immer zentrale Themen Deiner Forschung und Lehre und tagtäglich gelebte Praxis, so lange wir uns kennen. Wir sind jetzt beide alt, Du sogar ein ganzes Jahrzehnt älter als ich. Und wir sind uns in den letzten Jahren einig, dass große Demonstrationen und auch nur laute Initiativen nicht mehr von uns angestiftet sein werden. Die, die da nach uns kommen, wollen und werden ihren Kämpfen neue Gestalt geben. Empfindsamkeit und Wachsamkeit für jede Form der Ausgrenzung wird indes bleiben … müssen … Und also Auf- und Widerstand gegen diese auch.

Weiß nicht, ob ich Dir diese undankbare Erwiderung zumuten kann.

Und doch wollen in solchen Zeiten kleine Distanzen auch zwischen uns überwunden werden.

 

Dank und Umarmung auch von mir

fm