Podiumsdiskussion mit der Jüdischen Stimme in Göttingen am 17.1.2020

Organisiert war der Abend, in dessen weiterem Verlauf das Stück Vögel von Wajdi Muawad aufgeführt wurde, vom Intendanten Erich Sidler. Der Journalist Dr. Daniel Alexander Schacht moderierte die Diskussion, die in Folge der Antisemitismus-Vorwürfe des Zentralrats der Juden und der FDP gegenüber der Jüdischen Stimme zustande kam. Trotz der Vorwürfe erhielt die Jüdische Stimme den Göttinger Friedenspreis 2019 und bei dieser Gelegenheit auch viel Unterstützung.

Podiumsdiskussion mit der Jüdischen Stimme für Gerechten Frieden in Nahost in Göttingen am 17.1.2020 statt fand  

Über mehr als zwei Stunden verfolgten 700 Zuschauer aus Göttingen und darüber hinaus in zwei Sälen eine Podiumsdiskussion auf der Bühne des Deutschen Theaters in Göttingen zum Thema Wann ist Kritik an Israel antisemitisch?. Organisiert war der Abend, in dessen weiterem Verlauf das Stück Vögel von Wajdi Muawad aufgeführt wurde, vom Intendanten Erich Sidler. Der Journalist Dr. Daniel Alexander Schacht moderierte die Diskussion, die in Folge der Antisemitismus-Vorwürfe des Zentralrats der Juden und der FDP gegenüber der Jüdischen Stimme zustande kam. Trotz der Vorwürfe erhielt die Jüdische Stimme den Göttinger Friedenspreis 2019 und bei dieser Gelegenheit auch viel Unterstützung.

Das Diskussionsthema wurde von den Rednern kaum berührt. Für MdB Konstantin Kuhle, im Podium für die FDP, und für Dr. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in FfM, war dies eher eine Frage der Quantität als der Qualität. Letzterer erklärte nicht, mit welchem Recht der Staat Israel für alle Juden in der Welt spreche und wie ein wenig Kritik an der israelischen Politik nicht antisemitisch sei, schärfere aber schon. Anders die Vorsitzende der Jüdische Stimme Iris Hefets. Sie begründete mit Fakten über die israelische Besatzung in Palästina und deren Völkerrechtsverstöße das Motto der Jüdischen Stimme Nicht in unserem Namen! und machte auf diese Weise eine Trennung zwischen Judentum und dem Staat Israel, weswegen Kritik an Letzterem vom Vorwurf des Antisemitismus nicht getroffen werde.

Wie nicht anders zu erwarten, wurde über die BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestment, Sanktionen), 2005 von palästinensischen, zivilgesellschaftlichen Organisationen ins Leben gerufen, diskutiert. Deren Bekämpfung durch die israelische Lobby in Deutschland zielte auf Delegitimierung, und Dämonisierung dieser gewaltfreien Bewegung. Indem der Bundestag sich mit seinem Beschluss vom Mai 2019 dieser Kampagne anschloss, schuf er allerdings Bedingungen für massive Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit. MdB und Mitglied des AA Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) und Iris Hefets betonten anhand von Beispielen die verheerende Bedeutung dieser Entwicklung für grundgesetzlich garantierte Bürgerrechte in Deutschland.

Obwohl die Palästinenser und ihre Unterstützer zu einem gewaltfreien Boykott, zur Sanktionierung und Desinvestitionen der Institutionen des Staates Israel aufrufen, war die Diskussion in Göttingen voller gegenteiliger Beispiele, denn sowohl der Zentralrat der Juden als auch der deutsche Regierungsbeauftragte für Antisemitismus Dr. Felix Klein haben die Einladung teilzunehmen abgelehnt, solange auch die jüdische Stimme dort sprechen dürfe. Dr. Meron Mendel, forderte, dass die Jüdische Stimme als “extremistische” Organisation nicht mehr prämiert wird, schlicht – letztendlich als jüdische Organisation – boykottiert werde. Frau Hefets gab hingegen Fakten über die israelische Besatzung in Palästina und erklärte, die Forderung nach Gleichberechtigung aller Bewohner eines Territoriums sei kein Extremismus, sondern eine moralische Verpflichtung, über die in Deutschland, wenn es z.B um Gleichberechtigung der Juden in Deutschland geht, selbstverständlich Konsens bestehe.

Die FDP war mit der Forderung nach einem Verbot der BDS-Bewegung in ihrem eigenen Entwurf für die Bundestagsresolution noch einen Schritt weitergegangen. Um so erstaunlicher war es zu hören, dass FDP-MdB Konstantin Kuhle erklärte, BDS müsse erlaubt bleiben. Dr. Meron Mendel gab zu, dass er selbst Waren aus den illegalen israelischen Kolonien im Westjordanland boykottiere, der offiziellen Position der israelischen Regierung zufolge also auch als Antisemit definiert sei. (Er bezog sich nicht auf die berüchtigte Broschüre seiner Institution, die jeden, der die BDS-Bewegung unterstützt, zum Antisemiten erklärt).

MdB Jürgen Trittin aus Göttingen erinnerte daran, dass die derzeitigen Führer der antisemitischen Bewegungen in der Welt wie Viktor Orban, Mateo Salvini und Jair Bolsonaro allesamt erklärte Anhänger des Staates Israel und BDS-Gegner sind. Erfrischend war auch, dass die Ex- Bundestagspräsidentin, Prof. Rita Süssmuth, angesichts der konservativen Opposition gegen den BDS, die in den deutschen Parteien so weit verbreitet ist, mehr Klarheit in der Diskussion und ein offenes Ohr für die Worte der jüngeren Generation forderte.

Der vielleicht wichtigste Moment des Abends war, als Dr. Mendel einen Versuch zur Erklärung der Psychologie vieler Deutschen machte. Die Deutschen hätten tiefsitzende Tendenzen zum Antisemitismus, und die Erwähnung der israelischen Verbrechen an Palästinensern lasse diese Tendenzen an die Oberfläche kommen. Als Beispiel nannte er die von ihm mitgehörte Reaktion eines älteren deutschen Ehepaares, nachdem es den Film „Waltz mit Bashir“ gesehen hatte. Der Mann sagte zu seiner Frau: „Das haben sie von der SS gelernt“. Als Psychologin wies Iris Hefets darauf hin, dass dieses Beispiel ein Aufruf zur Zensur ist und unter Unterdrückungsverhältnissen jüdische Menschen, wie auch Frauen ihre eigene Stimme verlieren und schließlich die Haltung des Unterdrückers verinnerlichen und zur eigenen machen. Wichtig sei es unter den beschwerlichen hiesigen Bedingungen als linke Jüdinnen und Juden und als FeministInnen, nicht nach antisemitischem bzw. misogynem Gutdünken, sondern nach den eigenen Prinzipien zu handeln.