Der Zentralrat der Juden gefährdet die Vielfalt und Verbreitung von jüdischer Kultur in Deutschland

Was ist aber bitteschön jüdisch? Jüdische Geistigkeit und Kultur heute seien vor allem offen und freiheitlich, könnte man denken. Die Zeit des Ghettos ist vorbei. Oder doch nicht? Leben der Zentralrat der Juden und die meisten anderen jüdischen Organisationen und Gemeinden in Deutschland in einem selbst erschaffenen geistigen Ghetto? Ist „jüdisch sein“ die uneingeschränkte Unterstützung einer Regierung in Israel, die das Völkerrecht mißachtet, die man zwar angeblich kritisieren darf, aber wie, wer und wann?

Wir, die Mitglieder der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost, sind der Meinung, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland die Vielfalt und Verbreitung von jüdischer Kultur in Deutschland gefährdet, anstatt sie zu fördern. Schon in diesem ersten Halbjahr versuchte der Zentralrat unter dem Vorsitz von Dr. Schuster die Verleihung des Göttinger Friedenspreises an unsere Organisation zu verhindern, mit dem Vorwand, die Jüdische Stimme unterstütze die palästinensische Boykottbewegung BDS. Jetzt tritt der Leiter des Jüdischen Museums, Prof. Peter Schäfer, von seinem Posten zurück, angeblich wegen eines Tweets, das vom Museum ausging, in dem der Beschluss des deutschen Bundestages, die BDS als antisemitisch zu verurteilen, in Frage gestellt wurde. Als er von der Entscheidung des Professors erfuhr, seine Stelle aufzugeben, soll Dr. Schuster aufgeatmet haben, weil die Angebote des Jüdischen Museums in letzter Zeit angeblich nicht „jüdisch“ gewesen seien. Damit meinte er vermutlich die vielbesuchte, viel gelobte Jerusalem Ausstellung, die vom israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu – hat er sie selbst überhaupt gesehen? – verurteilt wurde, wahrscheinlich weil auch palästinensische Bewohner.innen von Jerusalem per Video in der Ausstellung zu Wort kommen durften, und dadurch den ausschließlich jüdischen Anspruch auf die Stadt gestört haben.

Was ist aber bitteschön jüdisch? Jüdische Geistigkeit und Kultur heute seien vor allem offen und freiheitlich, könnte man denken. Die Zeit des Ghettos ist vorbei. Oder doch nicht? Leben der Zentralrat der Juden und die meisten anderen jüdischen Organisationen und Gemeinden in Deutschland in einem selbst erschaffenen geistigen Ghetto? Ist „jüdisch sein“ die uneingeschränkte Unterstützung einer Regierung in Israel, die das Völkerrecht mißachtet, die man zwar angeblich kritisieren darf, aber wie, wer und wann? Israel, eine Demokratie, doch nur für Juden und zunehmend nur für diejenigen Israelis, die sich nicht trauen, gegen die unmenschliche Politik ihres Landes aufzustehen? Heißt „jüdisch sein“ ostentativ Kippa aufsetzen in deutschen Städten – jüdische und nicht-jüdische Deutsche gemeinsam – damit letztere sich gut fühlen?

Der Zentralrat gefährdet nicht nur die freie Entfaltung von jüdischer Kultur, sondern er verschleiert durch seine unbiegsame Haltung, seine irreführenden Behauptungen und inflationären Gebrauch des Antisemitismus-Vorwurfs, nicht nur den echten Antisemitismus, sondern auch den Hass und Rassismus, anti-islamische Vorurteile, die jetzt in Deutschland grassieren. Der Zentralrat, Marionette des Staates Israel, spaltet die jüdische Gemeinschaft, setzt nicht-jüdische Deutsche, die die Sünden ihrer Vorfahren gutzumachen glauben, moralisch unter Druck, den sie aber selber gern annehmen. Stattdessen könnte der Zentralrat sich über die Vielfalt differenzierter Meinungen unter jüdischen Menschen freuen, die sich für Menschenrechte einsetzen und sich um die Zukunft aller Menschen in Israel-Palästina Sorgen machen. Wer denkt, lebt.