Zur Gleichsetzung von BDS und Antisemitismus: ein Brief an die Mitglieder der Bundesregierung

Meine Mutter, Taube, und mein Vater, Abraham, überlebten Auschwitz, neben anderen Gräueln. Mein Vater war der einzig Überlebende aus einer Familie mit sechs Kindern, und meine Mutter überlebte mit nur einer Schwester aus einer Familie, die größer als die meines Vaters war. Wären beide heute noch am Leben würde sie Ihr Beschluss zutiefst erschrecken, da er auf der Unterdrückung von Toleranz und selbst gesammelten Erfahrungen basiert. Ich werde nicht wiederholen, was andere im Protest gegen Ihre Aktion bereits geschrieben haben, möchte Ihnen aber ein paar eigene Gedanken vermitteln.

………………………………………………………..

Zur Gleichsetzung von BDS und Antisemitismus: ein Brief an die Mitglieder der Bundesregierung

 

Dr. Sara Roy, 4. Juni 2019

 

On Equating BDS With Anti-Semitism: a Letter to the Members of the German Government

 

An die Mitglieder der Bundesregierung:

Ich schreibe Ihnen zu dem kürzlich vom Bundestag verabschiedeten Entschluss, die BDS Bewegung mit Antisemitismus gleichzusetzten. Ich schreibe Ihnen nicht nur als Jüdin und Kind von Holocaust-Überlebenden, sondern auch aufgrund meiner wissenschaftlichen Tätigkeit über den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Meine Mutter, Taube, und mein Vater, Abraham, überlebten Auschwitz, neben anderen Gräueln. Mein Vater war der einzig Überlebende aus einer Familie mit sechs Kindern, und meine Mutter überlebte mit nur einer Schwester aus einer Familie, die größer als die meines Vaters war. Wären beide heute noch am Leben würde sie Ihr Beschluss zutiefst erschrecken, da er auf der Unterdrückung von Toleranz und selbst gesammelten Erfahrungen basiert. Ich werde nicht wiederholen, was andere im Protest gegen Ihre Aktion bereits geschrieben haben, möchte Ihnen aber ein paar eigene Gedanken vermitteln.

Im September 2014 lud mich die Heinrich-Böll-Stiftung ein, um nach den schrecklichen Ereignissen jenes Sommers über Gaza zu sprechen. Nach dem Vortrag stand ein ziemlich aufgeregter Herr auf. Er plädierte energisch dafür, dass es für Deutsche angesichts der deutschen Geschichte schwierig, wenn nicht gar unmöglich sei, Israel zu kritisieren. Implizit in dieser Aussage war die Überzeugung, dass Deutsche niemals eine solche Kritik üben sollten. Er schien darauf bestehen zu wollen, dass ich das akzeptiere. Das tat und tue ich nicht. Meine Eltern würden es auch nicht tun.

Meine damalige Antwort ist die gleiche wie meine Antwort jetzt an Sie: Wenn Ihre Geschichte Ihnen eine Last und Verpflichtung auferlegt hat, dann die, Gerechtigkeit und nicht Israel zu verteidigen. Das ist es, was das Judentum, nicht der Zionismus, verlangt. Ihre Verpflichtung besteht nicht darin, aus Israel oder dem jüdischen Volk einen Sonderfall zu machen oder eine Ungerechtigkeit selektiv zu entschuldigen, nur weil sie von Juden begangen wurde; sie liegt darin, an Israel und Juden den gleichen ethischen und moralischen Maßstab anzulegen, den Sie bei jedem Volk anwenden würden, einschließlich Ihrem eigenen. Wenn Sie annehmen, dass Sie den Staat Israel oder den Platz des jüdischen Volkes in der Welt schützen und sichern, indem Sie sich weigern, Israels brutale Besetzung zu kritisieren – und diejenigen zu bestrafen, die es tun – ist dies ein schrecklicher Irrtum. Ihr Vorgehen erreicht genau das Gegenteil: Indem Sie darauf bestehen, Juden als Ausnahme zu behandeln, schwächen Sie uns, denn Sie machen uns wieder zu einer Art Anomalie, einem Eindringling, einer Negation Europas. Es macht uns anfälliger und ungeschützter für den Rassismus und den wahren Antisemitismus, der heute auf der ganzen Welt wieder auflebt.

Ihr Schuldgefühl, wenn das das richtige Wort ist, sollte nicht von einer Kritik an Israel ausgehen, sondern davon, dass Sie Ungerechtigkeit schweigend hinnehmen, so wie es viele Ihrer Vorfahren vor, während und nach dem Holocaust getan haben.

Ich habe eine große, verzweigte Familie durch Faschismus und Rassismus verloren. Wenn Sie den Beschluss unterstützen, der behauptet, die BDS-Bewegung sei antisemitisch – unabhängig davon, wie man zu dieser Bewegung steht – kriminalisieren Sie nicht nur das Recht auf die freie Äußerung abweichender Meinungen, sondern auch diejenigen, die von diesem Recht Gebrauch machen; genau so fasst der Faschismus Fuß. Sie trivialisieren und entwerten damit auch die wahre Bedeutung des Antisemitismus. Wie würden Sie das Taube und Abraham erklären?

 

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Sara Roy