Offener Brief an den kanadischen Premierminister Justin Trudeau

English follows below

Sehr geehrter Herr Premierminister Trudeau,

Am 7. November hielten Sie eine Rede im kanadischen Parlament und formulierten eine offizielle Entschuldigung für die Weigerung der kanadischen Behörden, ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen, die St. Louis, im Jahr 1939 in Kanada einen Hafen anlaufen zu lassen. Das Schiff musste nach Europa zurückkehren und viele seiner Passagiere wurden in der Folge von den Nazis ermordet.

Ihre Entschuldigung richtete sich an die Passagiere der St. Lewis, an ihre Familien und an die Überlebenden. Wir sind deutsche Juden und Jüdinnen, die in Deutschland leben, und wir alle hatten Familienmitglieder, die von den Nazis ermordet wurden, die aus Europa flüchten wollten und denen die Hilfe auf ihrer verzweifelten Flucht in die Sicherheit verweigert wurde. Ihre Entschuldigung war an uns adressiert und obwohl sie freundlich formuliert war, weisen wir sie zurück.

Sie haben Recht, dass Kanada eine moralische Verpflichtung hatte, wie jedes andere Land auch, der St. Lewis eine Zuflucht anzubieten und auch den anderen Menschen, die vor dem Nazi Terror fliehen mussten. Und Sie haben Recht, dass eine Entschuldigung für die Entscheidung der kanadischen Behörden schon lange überfällig war, dafür, dass sie ihre Grenzen geschlossen haben und passiv geblieben sind angesichts der unvorstellbaren Grausamkeiten, die an den Mitmenschen verübt wurden.

Wir sind allerdings enttäuscht, dass Sie Ihre Rede nicht nur für eine Entschuldigung benutzt haben, sondern auch für ein opportunistisches und durchsichtiges Manöver, die Sympathie von pro-israelischen Gruppen und der israelischen Regierung zu gewinnen.

Sie haben eine unbegründete Kritik an der BDS Bewegung (Boykott, Deinverstition und Sanktionen), die für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, formuliert, so als ob sich jüdische Studenten durch BDS an kanadischen Universitäten unerwünscht fühlen müssen. Sie konnten kein einziges Beispiel und keinen Beweis für diese Diffamierung beibringen. Sie haben nicht erwähnt, dass viele jüdische Überlebende des Holocausts und ihre Nachkommen BDS unterstützt haben und es weiter tun. Diese Menschen haben eine universale Lektion aus den Verbrechen der Nazis gegen die Menschlichkeit gelernt und sich dafür entschieden, für alle Opfer von Rassismus einzutreten, wer und wo sie auch immer sind. Die BDS Bewegung hat nichts mit den Verbrechen des Holocausts zu tun und mit der Gleichgültigkeit der kanadischen Regierung angesichts der menschlichen Leiden während des Zweiten Weltkriegs.

Ebenso unnötig war Ihr Kommentar zum Existenzrecht Israels, eine Ermutigung für pro-israelische Gruppen. Versuchen Sie nicht, die Verantwortung für den Schutz von Juden vor Rassismus der israelischen Regierung zu übertragen. Sie repräsentiert nicht alle Juden. Die Existenz des Staates Israel ist nicht entscheidend für das Recht der Juden, in ihren Ländern sicher zu leben und Schutz zu erhalten, wenn sie verfolgt werden. Das gilt für 1939, als es noch keinen Staat Israel gab und auch für heute.

Sie haben das Massaker in der Tree of Life Synagoge in Pittsburgh erwähnt, wo elf Juden ermordet wurden. Die Halbwahrheiten, die Sie aussprechen, entlarven, dass Ihre politische Agenda nichts zu tun hat mit dem Recht der Juden, in Sicherheit zu leben. Sie stellten fest, dass die Opfer des Massakers ermordet wurden, „weil sie Juden waren“, haben aber nicht den zweiten Grund erwähnt, den der Mörder selbst vor seinem Angriff auf Twitter verbreitet hat: weil die Organisation HIAS, die in der jüdischen Gemeinde von Pittsburgh beheimatet ist, sich für die Unterstützung von Flüchtlingen einsetzt. Die Juden in Pittsburgh weigern sich, die Augen zu verschließen und ihre Türen zu versperren, wenn Menschen vor Krieg, ethnischer Säuberung und vor Katastrophen fliehen. Für ihr Engagement, so wie es Kanada 1939 hätte tun müssen, wurden sie ermordet.

Der israelische Botschafter, Ron Dermer, wiederholte Trumps entsetzliche Feststellung des „Schuld gibt es auf beiden Seiten“. Wenn Sie das Pittsburgh Massaker durch einen rechtsextremen, weißen Nationalisten unmittelbar nach dem Absatz erwähnen, in dem Sie die BDS Bewegung beschuldigen, jüdische Studenten angeblich für „unerwünscht“ zu erklären – bewegen Sie sich selbst in dem „Beide Seiten“ Muster, das Rassismus und Antisemitismus legitimiert, indem Sie es auf dieselbe Stufe stellen wie die Bewegungen, die sich für Gleichberechtigung und Menschenrechte einsetzen, wie z.B. BDS.

Wir warten immer noch auf eine ehrliche Entschuldigung, die sich an uns richtet, die jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt und nicht an die israelische Regierung, welche selbst eine rassistische Politik betreibt und die selbst die Türen für Kriegsflüchtlinge verschließt. Ihre Entschuldigung vom 7. November war nicht überzeugend und wir können sie nicht akzeptieren.

Hochachtungsvoll
Shir Hever im Namen der  Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost

 

Aus dem Englischen: Rudolf Scholten

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Open Letter to Canadian Prime Minister Justin Trudeau:

 

Your Excellency  Prime Minister Justin Trudeau,

On November 7 th you held a speech at the Canadian parliament, and issued an official apology for the refusal of the Canadian authorities in 1939 to allow a ship of Jewish refugees, the St. Louis, to dock in Canada. The ship was turned back to Europe and many of its passengers were murdered by the Nazis.

Your apology was directed to the passengers of the St. Lewis, to their families and survivors. We are German Jews and Jews, who are living in Germany, we all had family members who were murdered by the Nazis, who tried to escape from Europe and were denied refuge in their desperate flight for safety. Your apology was addressed to us, and although it was nicely worded, we reject it.

You are correct, that Canada had a moral obligation, as any country did, to offer refuge to the St. Louis and to others fleeing from the Nazi-Terror, and that an apology is long overdue for the Canadian authorities decision to close their borders and look on in the face of unspeakable atrocities committed against fellow human beings.

However, we are disappointed that you have used your speech not just to apologize, but also for an opportunistic and transparent political ploy to gain the sympathy of pro-Israeli groups and the Israeli government.

You have issued a baseless accusation against the BDS-movement (Boycott, Divestment and Sanctions), which was nominated for the Noble Peace Prize, as if it somehow strives to make Jewish students feel unwelcome in Canadian campuses. You failed to give a single example or a shred of evidence for this defamation. You did not mention that many Jewish survivors of the Holocaust and their relatives have supported and continue to support BDS. These people have learned a universal lesson from the Nazi crimes against humanity, and decided to stand for all victims of racism wherever and whoever they may
be. Lashing out against the BDS movement has nothing to do with the crimes of the Holocaust and with the indifference of the Canadian government in the face of human suffering during the Second World War.

Equally irrelevant was your comment on the “right of the State of Israel to exist,” a dog whistle for pro-Israeli groups. Do not try to transfer the responsibility for protecting Jews from racism to the Israeli government. It does not represent all Jews. The existence of the State of Israel is not relevant to the right of Jews to live safely in their countries, and to receive shelter when they are persecuted, back in 1939 when there was no State of Israel and also today.

You have mentioned the massacre in the Tree of Life synagogue in Pittsburgh, where eleven Jews were murdered. The half-truth which you uttered exposed that your political agenda has nothing to do with the right of Jews to be safe from harm. You stated that the victims of the massacred were murdered “because they were Jews,” but failed to mention the second reason which the murderer himself announced on Twitter before his attack: because the organization HIAS based in the Pittsburgh Jewish community is dedicated to helping refugees. Pittsburgh Jews refuse to close their eyes and close their doors to people fleeing from war, ethnic cleansing and disaster. For their commitment to act, as Canada
should have acted in 1939, they were murdered.

The Israeli ambassador Ron Dermer echoed Trump’s horrible statement about “blame on both sides” and when you mention the Pittsburgh massacre by a far-right white nationalist one paragraph after blaming the BDS movement of supposedly making Jewish students “unwelcome” – you are repeating the “both-sides” paradigm, which legitimizes racism and anti-Semitism by putting it on the same level as  the movements dedicated to equal rights and human values, movements such as BDS.
We are still waiting for an honest apology directed at us, Jewish communities around the world, and not at the Israeli government, which itself is engaged in racist policies, and which itself shuts its doors to war refugees. Your apology on November 7 th was not sincere, and we cannot accept it.

Respectfully,

Shir Hever,

in the Name of the Jewish Voice for Just Peace in the Middle East, Germany