Zur Wehrdienstverweigerung in Israel

Die folgende Rede unseres Mitgliedes Ruth Fruchtman wurde auf der Kundgebung in Solidarität mit der israelischen Kriegsdienstverweigerin Tair Kaminar am Freitag dem 13ten Mai in Berlin vorgetragen.

Zur Wehrdienstverweigerung in Israel – zur Unterstützung von Tair Kaminer

Ich heiße Ruth Fruchtman, bin Autorin und Journalistin und spreche heute im Namen der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.  – die deutsche Sektion der EJJP – European Jews for a Just Peace. Wir – die Jüdische Stimme – fordern die sofortige Freilassung von Tair Kaminer wie auch die Einstellung aller Strafverfahren.

Aber ich spreche auch in meinem Namen, weil ich in Israel Verwandtschaft habe, junge Cousins, die aufgerufen werden, – schon aufgerufen worden sind – ihren Wehrdienst in der IDF zu leisten – the Israel Defence Forces – die, wie wir wissen, weder die „moralischste und noch die humanste“ Armee der Welt ist. Ich brauche hier nicht die Verbrechen aufzulisten, die diese Armee schon begangen hat – und noch jeden Tag – und jede Nacht! – weiterhin begeht.

 

Tair Kaminer, die mit 19 Jahren gerade zu ihrer 5. Haftstrafe von 30 Tagen verurteilt worden ist, verdient den größten Respekt und Achtung, vor allem unsere Unterstützung. Auch die 18-jährige Omri Baranes, die jetzt ihre 2. Haftstrafe verbüßt. Ich kann nur sagen, daß ich mich sehr freue, jedes Mal wenn ich von Wehrdienstverweigerern in Israel erfahre. Es sind noch immer zu wenige von ihnen, denn ich bin davon überzeugt, daß dieses eines der effektivsten Mittel wäre, vielleicht das effektivste Mittel, um diese katastrophale, verbrecherische Politik der israelischen Regierung-en zu ändern – einen wirkungsvollen Druck auf sie auszuüben. Die Verweigerung der Reservisten, Yesh Gvul – Es gibt eine Grenze – war damals – schon in den 80er-90er Jahren – richtunggebend. Ich erinnere mich an die Verweigerung der 27 Piloten 2003 und um die gleiche Zeit an die Wehrdienstverweigerung von Jonathan Ben Arzi und Uri Ya’acobi, beide damals 19-jährig und deren Kameraden und Kameradinnen, die sich ebenfalls verweigerten. Sie werden Shministim genannt, junge Leute, die gerade die Schule verlassen: In den letzten Jahren gab es immer mehr:  Noam Gur, 2012; Natan Blanc und Rela Mazari 2013; 2014 waren Mandy Cartner und Shaked Harari waren unter den Unterzeichnern eines Protestbriefs an Premierminister Netanjahu.

 

Obwohl ich selbst nicht Israelin bin, vermag ich, so glaube ich, das Ausmaß des gesellschaftlichen Drucks in Israel auf diese jungen Menschen einzuschätzen. Es reicht schon hier, in Berlin und in anderen deutschen Städten, wenn wir als Mitglieder der Jüdischen Stimme an Demonstrationen angespuckt und beleidigt werden: als Verräter-innen, gar als Antisemiten, diffamiert sind. In Israel wird der Wehrdienst fast als heilig angesehen: verweigert man sich, wird man als Aussätzige(r) betrachtet, man gehört nicht mehr zur guten israelischen Gesellschaft – man schließt sich selber aus. Das ist bestimmt ein Grund, weshalb nicht mehr junge Israelis sich trauen, den Kriegsdienst zu verweigern. Es ist wahr, daß sie manchmal einen anderen Weg suchen, sich des Wehrpflicht zu entziehen: Sie können medizinisch beweisen, daß sie als psychisch und physisch nicht imstande sind, zur Armee zu gehen. Trotzdem hat dieses keine politische Wirkung. (Religion war bis jetzt auch fast der einzige Grund sich der Armee zu entziehen und wurde bis vor kurzem widerspruchslos akzeptiert, besonders für Frauen.) Auch kann man, doch vermutlich nur in wenigen Fällen, eine Genehmigung von einem „Gewissenskomitee“ – eines internen Militärkomitees – erlangen. Aber sonst gibt es noch keine legale Kriegsdienstverweigerung in Israel. Denn alle wissen wir – hier bin ich ironisch! – daß der Staat Israel immer bedroht ist – von Feinden auf allen Seiten, wenn nicht schon im eigenen Land, und alle müssen deswegen bereit sein, den Staat, ihre Heimat zu verteidigen. Diese Propaganda wurde von Anfang an erfolgreich verkauft und es bedarf einer scharfen Intelligenz – wie die von Tair Kaminer und ihrer Zeitgenossen – Genossinnen – und viel Mut sie zu durchschauen und ihr zu widersprechen. Das militärische Engagement bringt keinen Frieden, sondern schafft nur noch mehr Haß auf allen Seiten, mehr Leid, mehr Aggression – mehr Verzweiflung.

Ich zitiere Martin Buber:

Eine unmoralische Tat mag manchmal Nutzen für kurze Zeit bringen, aber nicht für Generationen, nicht einmal für eine Generation … Am Ende gibt es keinen Widerspruch zwischen Realpolitik und moralischer Politik. Manchmal fordert diese einen Verzicht auf den momentanen Nutzen um das Bestehen in der Zukunft willen.

 

Ich wünschte sehr, daß meine jungen Cousins und Cousinen, die heute in Israel leben – und vor allem auch die, die in den illegalen Siedlungen der Westbank aufwachsen – , den Mut finden würden, am Beispiel von Tair Kaminer und anderen: „Nein“ zu dieser Ungerechtigkeit zu sagen und dazu zu stehen. Dem Druck der israelischen Gesellschaft – und womöglich auch dem Druck der eigenen Familie – standzuhalten, ihm nicht nachzugeben. Aber ich befürchte das Gegenteil.