Kennzeichnung von Waren aus den von Israel besetzten Gebieten

An den Bundesaußenminister Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier Auswärtiges Amt
11013 Berlin

Sehr geehrter Herr Außenminister,

Berlin, den 2. Mai 2015

am 16. April 2015 befanden es die Außenminister von 16 Mitglieds- staaten der EU für geboten, die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik Frederica Mogherini in einem Brief zu bitten, den Prozess der korrekten Etikettierung von Gütern voranzubringen, die in den illegalen israelischen Siedlungen auf palästinensischem Territorium produziert und EU-weit vermarktet werden.

Zu unserer großen Enttäuschung waren Sie nicht unter den Unter- zeichnern des Briefs. Berichten israelischer Medien entnehmen wir, dass Deutschlands Opposition zur Initiative hauptsächlich historisch begründet wird. Offenkundig stimmt Deutschland gegen eine ange- messene Etikettierung von Produkten, die israelischen Siedlungen entstammen, und wäre in der EU das letzte Land, das einen solchen Prozess einleiten würde.

Letztlich handelt es sich jedoch bei der korrekten Etikettierung von Produkten um nichts anderes als die bloße Anwendung von gelten- dem EU-Recht, das EU-KonsumentInnen dazu befähigen soll, ver- lässlich zu wissen, was sie einkaufen. Gegenwärtig gibt es bei vielen Produkten mit dem Etikett „Made in Israel“ ein beträchtliches Maß an Ungewissheit. EU-KonsumentInnen haben das Recht zu wissen, ob solche Produkte aus dem international anerkannten Hoheitsgebiet Israels innerhalb der Grenzen von vor 1967 oder aus den illegalen Kolonien stammen. Die geltende Gesetzgebung der EU verpflichtet die Mitgliedsstaaten dazu, die geografische Herkunft landwirtschaft- licher Produkte und Lebensmittel korrekt auszuweisen. Es ist höchste Zeit, dass die Mitgliedsstaaten daran gehen, geltendes EU- Recht endlich auch anzuwenden.

Im selben Zug sollte die Bundesrepublik Deutschland dem Beispiel anderer Mitgliedsstaaten folgen und eine sogenannte Geschäftswar- nung („business warning“) für deutsche Unternehmen herausgeben, die die rechtlichen und politischen Konsequenzen anspricht, die ge- schäftliche Vereinbarungen mit israelischen Körperschaften in den besetzten Gebieten nach sich ziehen können. Anders kann nicht si- chergestellt werden, dass EU-Unternehmen der Gesetzgebung und Politik der EU voll und ganz entsprechen.

Wir bitten Sie eindringlich, das vorbildliche Verhalten der deutschen Regierung, die im Februar 2011 gemeinsam mit vierzehn anderen Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrates für eine Resolution ge- stimmt hat, die die israelischen Siedlungen verurteilt, und diese Re- solution in weiterer Folge neben Großbritannien und Frankreich öf- fentlich unterstützt hat, fortzusetzen.

Wir schreiben Ihnen als Jüdinnen und Juden, die an gleiches Men- schenrecht für alle glauben. Wir haben uns einem gerechten Frieden im Mittleren Osten verschrieben. Wir setzen uns für ein Ende der illegalen israelischen Besetzung von palästinensischem Territorium ein, sodass PalästinenserInnen ihr Recht auf Selbstbestimmung aus- üben können. Wir gehören dem Netzwerk „European Jews for a Just Peace“ an, das aus zwölf gleichgesinnten jüdischen Organisationen in zehn europäischen Ländern besteht.

In Erwartung Ihrer alsbaldigen Antwort verbleiben wir hochachtungsvoll

Michal Kaiser-Livne

Vorsitzende der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e. V.

Dror Feiler

Chair of the European Jews for a Just Peace

Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e. V.
c/o Liga für Menschenrechte | Haus der Demokratie und Menschenrechte Greifswalder Str. 4 | 10405 Berlin | mail@juedische-stimme.de

 

 

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An den Bundesaußenminister Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier Auswärtiges Amt
11013 Berlin

Dear Minister,

May 2, 2015

On April 16, 2015, the Ministers of Foreign Affairs of sixteen EU Member States sent a letter to the EU High Representative for For- eign and Security Policy Federica Mogherini asking her to push for- ward the process of properly labelling goods produced in the illegal Israeli settlements in occupied Palestinian territory that are sold across the European Union.

To our great disappointment you were not one of the signatories. According to reports in the Israeli media Germany has dissented from the initiative, in great part for historical reasons. Apparently Germany opposes the proper labelling of products originating in Is- raeli settlements and would be the last country in Europe to imple- ment such a process.

After all labelling products correctly is nothing more than the mere application of existing EU legislation which aims at enabling EU consumers to be aware of what they are buying. Currently there is considerable uncertainty about many products that carry the label ‘made in Israel’. EU consumers have the right to know whether a product originates from the internationally recognized Israeli terri- tory within its pre-1967 borders, or whether they stem from its illegal colonies. EU legislation has placed the Member States under the obligation to indicate the correct geographical origin of agricultural products and food-stuffs for many years. It is high time that Member States begin to apply this legislation.

In the same vein Germany should follow the example of other Mem- ber States and issue a so-called “business warning” official infor- mation to enterprises under its national competence, which address the legal and political consequences of doing business with Israeli entities in the occupied territories. This is to ensure that EU enter- prises fully comply with EU legislation and policies.

We urge you to continue the principled behaviour of the German government which joined 14 other members of the Security Council in February 2011 to vote for the resolution condemning Israeli set- tlements, and which then joined Great Britain and France in publicly supporting their vote.

We are writing to you as Jews who believe in equal human rights for all. We are dedicated to a just peace in the Middle East. We strive to end Israel’s illegal occupation of Palestinian territory and thereby enable Palestinians to exercise their right to self-determination. We belong to European Jews for a Just Peace, the federation of 12 like- minded groups in ten countries.

Looking forward to hearing from you. Truly yours,

Michal Kaiser-Livne

Vorsitzende der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost

Dror Feiler

Chair of the European Jews for a Just Peace

Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost
c/o Liga für Menschenrechte | Haus der Demokratie und Menschenrechte Greifswalder Str. 4 | 10405 Berlin | mail@juedische-stimme.de