Flugblatt für die Kundgebung in Berlin am 14.9.14

Es geht nicht um Antisemitismus.

Es geht um die Frage: Sympathie mit Menschenrechten oder mit Israels Politik?

Israels maßloser Versuch, die Hamas als Vertretung Palästinas ein für allemal zu liquidieren, treibt in Deutschland einen schon lange schwärenden Widerspruch auf die Spitze: Sympathie für Menschenrechte oder für Israel? Unsere Politiker reagieren schablonenhaft und die jüdische Gemeinschaft wirkt ratlos; gemeinsam rufen sie „Hilfe, Antisemitismus!“.

Aber wenn heute der Begriff „Antisemitismus“ verwendet wird, vernebelt er mehr als er erklärt. Denn die „antisemitische“ pseudowissenschaftliche “Rassenkunde” – im “Dritten Reich” an allen Schulen gelehrt – , der viele unserer Angehörigen und fast das ganze europäische Judentum zum Opfer fielen, ist heute kein Thema mehr.

Trotzdem gibt es weiter Hass gegen Juden. Dabei geht es nicht um Überlegenheit der “arischen” gegen die “semitische Rasse”, sondern um allgemeine Vorurteile gegen Minderheiten und speziell um Angst vor einer “jüdischen Weltverschwörung”. Wenn aber in unserem wohlhabenden und lange von Krieg verschonten Land Menschen Juden hassen, weil sie sie als Teil einer „Weltverschwörung“ ansehen, so ist das offensichtlich unangemessen. Jedoch bei Menschen, deren Familien vor 67 Jahren enteignet und vertrieben wurden und die bis heute in Lagern, als Bürger zweiter Klasse in Israel, als ungern Geduldete in Jerusalem, als Ghettoisierte in der Westbank und als hilflos Gefangene in Gasa leben, ist Wut auf Israel äußerst verständlich. Kann man es diesen Menschen verdenken, wenn sie „Israel“ mit „Juden“ gleichsetzen? Es ist doch Israel selbst, das als „jüdischer Staat“ anerkannt werden will!

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und unsere Politiker müssen deutlich machen, dass Israel nicht mit Juden gleichzusetzen ist. Europa, dessen Judenhass zur Gründung Israels in Arabien führte, bekommt nun durch Israels Starrsinn diesen Hass auf Israel hierher zurückimportiert. Und wenn wir nicht dagegen angehen, kann daraus neuer Hass gegen Juden werden.

Aber wie kann man dagegen angehen? Diese verständliche Wut auf Israel wird man eben nicht durch „Antisemitismus“-Rufe zum Verschwinden bringen, sondern indem man die Ursachen dieser Wut behebt: Enteignung, Vertreibung, Besatzung, Diskriminierung. Da Israel nicht freiwillig Kompromisse sucht, muss es durch Sanktionen dazu bewegt werden. Deutsche Politiker sollten das an führender Stelle in der EU tun, denn sonst setzen sie eine deutsche Tradition fort: Mitläufer, die gegen besseres Wissen nichts gegen Unrecht tun.

Diejenigen Deutschen, die heute die palästinensische Position unterstützen (und laut Umfragen weniger Vorurteile gegen Juden haben als die Unterstützer Israels), setzen dagegen die Tradition der Menschlichkeit fort, die sich vor 75 Jahren im Widerstand gegen Unrecht zeigte. Entsprechend dieser Tradition der Menschlichkeit sollten wir Israel drängen, die Palästinenser für jahrzehntelang ihnen angetanes Unrecht um Verzeihung zu bitten.

V. i. S. d. P.:
Prof. Dr. Rolf Verleger, c/o Jüdische Stimme, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

14. 9. 2014

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It’s not about anti-Semitism.
It’s about whether to sympathise with human rights or for Israel’s politics.

Israel’s exorbitant attempt to eliminate Hamas as a representative for Palestine, once and for all, has brought the matter of a long-standing festering contradiction in Germany to a head: to sympathise with human rights or for Israel? Our politicians react with clichés and the Jewish Community appears to be clueless; they all cry “Help – anti-Semitism”, in chorus.

But when the term “anti-Semitism” is used, it obscures more than it explains. For the “anti-Semitic” pseudo-scientific “Study of Race” that was taught in all schools during the “Third Reich”, and to which many of our relatives as well as almost the entire European Jewry fell victim, is no longer an issue.

Nevertheless, there is still hatred for Jews. But it is not about a display of superiority of the “Aryan” over the “Semitic Race”, but rather about general prejudices against minorities and especially about fear surrounding a “Jewish world conspiracy”. It is indeed unreasonable when Jews are hated in our affluent country, which has been spared war for so long, by people who imagine Jews are part of a “world conspiracy”. In contrast, anger directed towards Israel is absolutely understandable by people, whose families were dispossessed and expelled 67 years ago, and who have to this day lived in camps, as second-class citizens in Israel, as unwanted but tolerated residents of Jerusalem, in ghettos of the West Bank and as helpless captives in Gaza. Can these people be blamed when they equate “Israel” with “Jews”? Israel itself wishes to be recognised as the “Jewish State”!

The Jewish community in Germany and our politicians must make it clear that Israel cannot be equated with Jewry. Europe, in which the hatred of Jews led to Israel being established in the Arab world is now, because of Israel’s stubbornness, being confronted with a currently re-imported hatred of Israel. And if we don’t address this problem, a new hatred of Jews might develop.

But how can one respond to this? This understandable rage against Israel will not simply go away with cries of “anti-Semitism”, but only if the causes of this rage are tackled: dispossession, expulsion, occupation, discrimination. While, of its own free will, Israel doesn’t seek compromise, it must be brought to do this with sanctions. German politicians should try to achieve this with their leading position in the EU – otherwise they would be resuming a German tradition of party liners who, against better judgement, do nothing against injustice.

Those Germans, who support the Palestinian position today (and who, according to polls, have less prejudices against Jews than the supporters of Israel) are continuing a tradition of humanity that expressed itself 75 years ago in resistance to injustice. We should, in keeping with this tradition of humanity, urge Israel to beg forgiveness from the Palestinians, who have experienced injustice at its hand for decades.

V. i. S. d. P.:
Prof. Dr. Rolf Verleger, c/o Jüdische Stimme, Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin

September 14, 2014