Wo bleibt die Toleranz? / Rolf Verleger /Leserbrief in der FAZ vom 17.7.12

Zu Ihrer Berichterstattung über die Beschneidung: Vor 60 Jahren wurde ich beschnitten. Ich war acht Tage alt, der Mohel reiste im Winter von ich weiß nicht wo nach Ravensburg an. Die Prozedur war vielleicht nicht besonders gesund; meine Mutter berichtet, dass der Kinderarzt Penicillin verschreiben musste. Ob das wieder um übertrieben war wie mein Onkel mir später zu verstehen gab, lässt sich schwer beurteilen. Jedenfalls habe ich danach gut gelebt als Jude in Deutschland.

Plötzlich geschieht aber etwas, was ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr für möglich gehalten hätte. Die Beschneidung steht im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion. Es geht dabei um die uneingeschränkte Wohlfahrt aller Menschen: Juristen wollen eine unwiderrufliche Körperverletzung vermeiden, Professoren der Psychosomatik und die Gilde der Psychotherapeuten wollen schwere seelische Traumata verhindern, und in den Leserbriefforen der Zeitungen spenden gebildete, differenzierte Menschen diesem Kölner Urteil im Namen der Vernunft Beifall: Beschneidung passt nun einmal wirklich nicht mehr in unsere aufgeklärte Gesellschaft und moderne Welt.

Haben sich all diese gebildeten Menschen eigentlich nicht klargemacht, was sie mit der Ablehnung der sicherlich körperverletzenden, vermutlich nicht traumatischen (im Säuglingsalter), jedenfalls völlig altertümlichen Beschneidung zum Ausdruck bringen? Hiermit gibt das deutsche moderne, aufgeklärte Bürgertum seinen deutschen Muslimen und seinen deutschen Juden zu verstehen, sie sollten aufhören, die islamische oder jüdische Religion zu befolgen. Schlicht und ergreifend. Dies geschieht selbstverständlich nicht im Namen irgendeines rassistischen Vorurteils, darüber sind wir doch schon lange hinweg. Nein, im Gegenteil, es geht nur um die allgemeine Wohlfahrt, es ist eine Frage der Vernunft.

Das Streben nach allgemeiner Wohlfahrt und nach Herrschaft der aufgeklärten Vernunft ist zu begrüßen. Aber es hat auch eine problematische Seite. Bekanntlich war Robespierre von diesem Streben beseelt. Er führte eine neue Religion ein: den Kult der Vernunft. Danach führte er den Terror ein.

Ebenso träumten- wie Klaus Dörner und andere herausgearbeitet haben- deutsche junge, aufgeklärte Psychiater vor hundert Jahren davon, seelischen Leiden ein für alle Mal durch vernünftige Therapien ein Ende zu machen. Als dies nicht gelingen wollte, fanden sich viele dieser modernen Akademiker in ihrem Streben, Leiden und Behinderungen abzuschaffen auf der Seite der radikalsten Modernisierer wieder. Dies waren Leute, die nach eigenem Selbstverständnis „mit einem eisernen Besen“ durch Europa wischten: Alles, was die moderne Zeit aufhielt, musste weg.

Was daher offensichtlich die Kehrseite des Strebens nach Vernunft sein muss- sonst geht es leicht schief-, ist Toleranz: Toleranz gegenüber anderen Menschen, anderen Kulturen, anderen Lebensarten. Das Bestürzende am Kölner Urteil und an seiner Unterstützung durch Juristen, Psychosomatiker und andere Wohlmeinende ist genau dies: dass das Ziel der Vermeidung von Körperverletzung und Traumata bei diesem einfachen Eingriff als schwer wiegender angesehen wird als der Wert der Toleranz. Am Ende dieser verfehlten Wertung ist dann nicht nur das Leid aus Deutschland vertrieben, sondern auch die Menschen, die vor diesem Leid geschützt werden sollten.

PROFESSOR DR. ROLF VERLEGER, LÜBECK