offener Brief an Heinrich-Böll-Stiftung

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach unserem offenen Brief an Sie und nachdem Sami Shalom Chetrit und Eli Hamo sich uns angeschlossen und ihren Film aus dem Programm zurückgezogen haben, haben Sie den Inhalt ihres Flyers modifiziert: “In der Folge wurden sie aus ihren Heimatländern entweder von staatlicher Seite aus vertrieben, von der muslimischen Bevölkerung bedrängt, das Land zu verlassen, oder von Israel zur Einwanderung angeworben.” Leider bestehen in Ihrem Programm wie in dessen Ankündigung weiterhin gravierende Verfehlungen auf die der Brief der kritischen Juden und Israelis hingedeutet hat. Die falsche Behauptung die Misrachi Juden wurden vertrieben, steht in ihrem neuen Flyer immer noch. Ihr Programm haben Sie nicht geändert, sodass Sie die Misrachi Juden immer noch als Objekte zeigen und als kritische Akteure ignorieren.

Bezugnehmend auf Ihre Stellungsnahme vom 26. Januar möchten wir einiges richtig stellen:

In unserer Kritik geht es nicht um subjektives Leiden, sondern um historische Tatsachen und Vertreibung ist ein Begriff mit völkerrechtlichen Folgen und möglichen Ansprüchen. Leider benennen Sie kein widersprechendes historisches Material für Ihre Behauptung über die Vertreibung der Juden aus ihren Heimatländern, somit verstehen wir, dass sie unseren Quellen, die das Gegenteil beweisen nicht widersprechen können.

Mit der Trennung der Problematik der Misrachi und der Palästinenser in Israel, die Sie favorisieren, und mit Ihrer ausdrücklichen Distanzierung von der Benennung der Sozialpolitik Israels gegenüber den Arabern, jüdisch wie nicht jüdisch, als rassistisch, ignorieren Sie einen bedeutenden Zusammenhang und erforschen nicht seine gemeinsamen Wurzeln. Türsteher (in Israel „Selektors“ genannt) in israelischen Clubs lassen junge Leute mit arabischem Aussehen nicht herein, ob diese Araber Juden, Muslime oder Christen sind, sie bleiben draußen. Dieses gemeinsame Draußenbleiben erstreckt sich auf das israelische Justizsystem, den akademischen Bereich und andere Machtpositionen.
In der israelisch-palästinensischen Realität besteht also ein enger Zusammenhang zwischen allen Arabern in der Region.

Dass Sie mit israelischen Partnern kooperieren, ist offensichtlich. Die Fingerabdrücke der   israelischen Botschaft kann man auch ohne Ihre neue Angabe „Mit Unterstützung der Botschaft des Staates Israel in Berlin“ erkennen. Vielleicht wissen sie als Berater besser Bescheid über die “Misrahi Democratic Rainbow” Organisation oder die Misrachi Kultur-Koalition in Israel als sie selbst. Dies erklärt auch, warum Sie sich mit dieser Organisationen in Israel nicht beraten.

Wenn Sie auch behaupten, die sozio-politischen Realität Israel entspreche nicht unserer Darstellung, wäre es auch angebracht Ihre Ansicht mit Fakten zu belegen. Uns sind die Berichte des Adva-Institutes bekannt, wonach die Kluft zwischen Misrachi und Aschkenasi mit der Zeit nur größer wird. Im Rahmen eines Filmfestivals zum Kultur-Thema sollten Sie auch wissen, dass 90% des Kultur-budgets Israels Aschkenasi Kultur-Institutionen zugute kommt, obwohl Misrachi Juden die Mehrheit der Juden im Lande ausmachen. Dieses Bericht wurde von der Achoti-Organisation, die Sie unterstützen, also mit unseren Steuergeldern (Danke!!) erfasst.

Ihr Programm zeigt weiter hin nur Filme von männlichen Regisseuren und ignoriert wichtige Misrachi Regisseurinnen wie Hanah Azulai-Haspari, Ronit Elkabetz, Simon Bitton, Iris Misrachi und vielen anderen, es zeigt immer noch den rassistischen Film Sallah Shabati, der die Stereotypen eines klassischen Ostjuden zeigt: schmutzig, faul und einer der seine Tochter für Geld verkaufen will. Sie zeigen diesen Film ohne Kommentar in einem Land, in dem rassistische Filme ohne Kritik nicht gezeigt werden sollten.

Es ist verwunderlich, wenn Sie behaupten, Sie würden um eine kritische Debatte bitten, vertuschen aber die Geschichte um in diesem Zusammenhang nicht über Rassismus zu sprechen. Damit widersprechen Sie Ihrem eigenen Anspruch, Raum für eine kritische Debatte anzubieten (hätten Sie diese Einstellung auch bei einem Filmfestival über die USA, in dem man über Rassismus gegen die Schwarzen nicht sprechen darf?).

Wir erwarten von einer öffentlichen Stiftung, die durch Steuergelder finanziert wird, dass sie kein Relativismus von Verbrechen unternimmt und dass sie nach transparenten demokratischen Werten auf der Basis akademischer Forschungen und Tatsachen handelt.
Mit freundlichen Grüßen,

Die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost (EJJP, Deutschland)
http://www.jungewelt.de/2011/01-27/043.php

http://schmok.blogsport.eu/tag/geschichtsfalschung/

http://www.adva.org/default.asp?pageid=5

http://www.mouse.co.il/CM.articles_item,1050,209,41066,.aspx