Vorstellung des Buchs „Die Araber und der Holocaust“ von Gilbert Achcar / Fanny-Michaela Reisin

Berlin, Haus der Demokratie und der Menschenrechte

17. Mai 2012

Lieber, sehr verehrter Gilbert Achcar,

liebe Sophia Deeg,

liebe Gäste unseres Hauses für Demokratie und für Menschenrechte,

als Sophia mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, ein neues Buch von Gilbert Achcar hier in Berlin vorzustellen, das von ihr übersetzt beim Nautilus-Verlag erscheinen soll, sagte ich sofort, ohne auch nur eine Minute zu zögern zu. Ich konnte das Buch damals noch nicht kennen, hatte nicht einen einzigen Buchstaben gelesen. Der Nautilus Verlag brachte es erst in dieser Woche frisch gebacken heraus.

Mir ist aber Gilber Achcar seit langem ein Begriff. Ich lese seine Beiträge zum Nahen Osten in Le Monde Diplomatique neben denen von Alain Gresh mit höchstem Interesse. Es sind diese klaren, ruhigen Stimmen, die sich unverkennbar positioniert gegen alle Machenschaften der Global Players artikulieren und dennoch! nie aufgebracht oder gar aggressiv, immer um Aufklärung und Einsicht bemüht, so wohltun. Dies umso mehr in Zeiten, in denen politisch-ideologische Geistesnahrung nur noch als Fast Food oder Face-Book-Like-Its daher kommen.

Insofern war es mir eine große Freude die Gelegenheit zu bekommen, Gilbert Achcar heute in unserem Haus der Demokratie und Menschenrechte begrüßen zu können und sein neues, zehntes (?) Buch hier einzuführen.

Nun habe ich es in Vorbereitung auf heute Abend gelesen und möchte gleich zu Beginn sagen:

Es ist mir eine große Ehre, verehrter Gilbert Achcar, das Privileg zu haben, es hier heute einzuführen.

Ich bin wirklich beglückt darüber, dass mit diesem Werk auf höchst differenzierte, umsichtige und kluge Weise so viele Themen- und Fragestellungen bearbeitet werden, die allenthalben emotional höchst aufgeladen sind und immer polarisieren.

Im Buch werden u. a.  Kolonialismus und Rassismus in seinen antichristlichen, antijüdischen, antimuslimischen Ausprägungen thematisiert. Die äußerst sensible gleichzeitig tabufreie Behandlung nicht nur dieser und anderer gesellschaftshistorischer Erscheinungen, sondern vor allem auch ihrer unterschiedlichen Rezeption und Wirkung in der arabischen Region, der Sie entstammen und der Sie sich offenkundig zutiefst verbunden fühlen, setzt Maßstäbe.

Es gelingt Ihnen jenen Reflexionsraum – ein Begriff des Autors – herzustellen, in dem Unglaubliches möglich wird: Beim Lesen Ihres Buches geschieht jene De-Polarisierung wie von selbst, die wir uns so sehr wünschen. Ich habe selbst erlebt, wie mein anfänglicher Zugang, der an Religionen, Länder, Subkulturen, politische Kräfte und Ideologeme gebunden war, beim Lesen nach und nach eine Transformation, vielleicht sogar Transzendierung zu einem ganzheitlichen Blick auf die gesamte Region erfuhr. Der Einblick, der sich beim Lesen in die Vielfalt, in die Komplexität der Konstellationen aber auch in vielschichtige Abgründe und Verwerfungen der arabischen Welt – Israel gehört nun nolens volens dazu – eröffnet, verbindet. Unbedingt. -

„Die Araber und der Holocaust“, was für ein Thema! Welche Kraft musst Du haben, welche Leidenschaft für die Region, für ihre Menschen, für die über Jahrtausende kultivierte Ökologie, die trotz so vieler schmerzlicher Furchen und Falten nichts von ihrer Magie und Anziehungskraft verloren hat. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Liebe zu alledem aber auch die äußerste Sorge um den Erhalt der Kultur dieses Erdenteils, dem Autor die Kraft gab, ein Werk vorzulegen, das als Steinbruch von Informationen, als unerschöpfliche Quelle von Einsichten und Erkenntnissen zur Region nachhaltig eindrucksvoll ist.

 

Meine Aufgabe heute ist aber nicht, mich in Schwärmereien zu ergehen. Vielmehr soll und will ich Ihr/Euer Interesse für das Buch wecken.

Zu aller erst möchte im Lichte meiner Freude über ein so eindrückliches Werk anmerken:

Es ist keine leichte Kost.

Der Unterschied zwischen Fast Food und Steinbruch besteht ja genau darin, um im Bild zu bleiben: Du kannst vom Steinbruch viel, viel mehr bekommen, als zum Stillen des schnellen Hungers nötig ist. Für den schnellen Hunger bekommst Du aber nichts.

Die Steinbruchmetapher – ich könnte auch Schatzmetapher sagen – trifft das Buch in zweierlei Hinsicht nicht ganz.

Erstens lohnt sich das einfache Blättern und Anlesen von Kapitelabschnitten, von einzelnen Seiten oder auch nur ein, zwei Anmerkungen doch! Ich habe es getestet!

Zweitens ist es gänzlich anders als ein Steinbruch, das noch nicht Bergwerk ist, sehr übersichtlich gegliedert und in seinen Argumentationszusammenhängen überaus gut nachvollziehbar strukturiert.

Es ist die schiere Fülle an Fakten, Namen, Zitaten, die schnelles Lesen bisweilen erschwert. Zu bedenken ist gleichsam, dass all dies zusammenzutragen und aufzuschreiben auch nicht einfach gewesen sein kann. An das Übersetzen mag ich gar nicht zu denken.

Ich fand das Buch über weite Strecken wirklich spannend. Die Neu-Gierde – für mich überwogen die neuen Informationen gegenüber den schon bekannten – trieb die Lektüre voran. Es gibt sie aber durchaus auch, die „archelogischen“ Passagen. Sie können aber übersprungen werden, wenn das eigene Interesse nicht enzyklopädisch wissenschaftlich motiviert ist, sondern nur der Fundierung der eigenen, alltagspolitischen Überlegungen gilt.

 

Überblick

Gliederung

Das Buch – 165 Seiten Fließtext und mehr als 40! Seiten Literatur- und Anmerkungsanhang – ist in zwei fast genau gleich lange Hauptteile gegliedert.

Der erste Teil: „Die Zeit der Shoah – Arabische Reaktion auf den Nationalsozialismus und den Antisemitismus in den Jahren 1933 bis 1947“.

Der zweite: „Die Zeit der Nakba – Arabische Einstellungen gegenüber den Juden und dem Holocaust in der Zeit von 1948 bis heute“.

Diese Zweiteilung erklärt sich historisch. Sie spiegelt ein Resultat des Völkermords der Nazis an den europäischen Juden und ihrer Verfolgung wider, das im Buch „die siebente Million“ des israelischen Historiker Tom Segev, als „vergessen“ beklagt wird: Die Massenvertreibung der Palästinenser 1948 und den Krieg zwischen dem ausgerufenen Staat Israel und den umliegenden arabischen Ländern, „der bekanntlich mit der Niederlage des arabischen Lagers und dem Beginn des palästinensischen Flüchtlingsproblems endete.“

Ausgehend von diesen Ereignissen durchziehen die arabische Region zwei Narrative, ein israelisches und ein palästinensisch-arabisches, denen zwangsläufig zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen zugrundeliegen.

Das israelische Narrativ kreiste um die Vernichtung – die Shoah – und die Rettung der Juden durch den jüdischen Staat Israel.

Das palästinensische und arabische Narrativ entspann sich um die Usurpation durch den Staat und die damit verbundene Vertreibung – die Nakba.

Wohlgemerkt, in beiden Teilen geht es um das Verhältnis der arabischen Welt zum Völkermord an den Juden und zum Antisemitismus.

Der erste Teil behandelt die unterschiedlichen geistigen, politisch-ideologischen Strömen, die zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg entstanden waren, in ihrem Selbstverständnis, ihrer Wirkungsweise und – häufig widersprüchlichen – Entwicklung während der Herrschaft des deutschen Naziregimes in Europa.

Der zweite Teil wird eben im Lichte der enormen Veränderung der arabischen Welt seit der Gründung des Staats Israel und angesichts der Politik dieses Staates, der in den gut 60 Jahren seiner Existenz immerhin sieben Kriege anzettelte, das gesamte Westjordanland, den Gazastreifen sowie syrische und libanesische Gebiete besetzt hielt und weiterhin hält, eine atomare Rüstungsspirale in der Region eingeleitet hat und so weiter.

Durch das gesamte Buch wirken sich, von den „Schmerz-getränkten Worten der Einleitung“ bis zum bitteren und doch hoffnungsstiftenden Schlussabschnitten mit dem Titel „Stigmata und Stigmatisierungen“ manchmal locker manchmal fest zu einer roten Zopfschnur verknüpft die Geschichten:

des Zionismus,

des arabischen Antikolonialismus sowie

des Rassismus in seinen

antijüdischen und

antimuslimischen

Ausprägungen hindurch.

Ich war, als ich mir einen Überblick über das Buch in dieser Weise verschaffte, skeptisch, ob die vom Autor gewählte, fast gleichgewichtige Zweiteilung und die tatsächlich bestehenden Komplementaritäten, ihn nicht dazu verleiten würden, auch jene so oft behauptete Symmetrie zu unterstellen, die nach meinem Dafürhalten auf keiner der genannten Dimensionen ausmachbar ist.

Meine Befürchtungen galten keineswegs nur der kaum herstellbaren Symmetrie zwischen Shoah und Nakbah.

Meine Befürchtungen galten im selben Maße der Suggerierung einer Symmetrie zwischen dem Zionismus, der vereinfachend und falsch als jüdischer Nationalismus sowohl propagiert als auch rezipiert wird und demgegenüber den jeweils landesspezifischen und länderübergreifenden Nationalismen, die vereinfachend und monolitisch „arabischer Nationalismus“ (sic!) bezeichnet werden

Schließlich war ich sehr gespannt zu erfahren, ob Gilbert Achcar sich auf die gleichfalls verlockende und dennoch falsche Fährte des Vergleichs oder sogar Gleichsetzung des antijüdischen und antimuslimischen Rassismus begeben würde, eine hierzulande aber auch in den USA so gerne begangene Fehldeutung sowohl der überlieferten als auch der neu evozierten Rassismuserscheinungen.

Nichts von alledem! Meine Befürchtungen erwiesen sich auf allen genannten Ebenen als gegenstandslos.

Gleich in der Einleitung zum ersten Teil lesen wir:

„Selbstverständlich war der Holocaust unvergleichlich grausamer und blutiger als die Nakba. Diese Feststellung mindert allerdings in keiner Weise die Tragödie der Palästinenser, insbesondere, da sie als Volk keinerlei Schuld für die Vernichtung der europäischen Juden trifft.“

Überhaupt halte der Autor, lesen wir an anderer Stelle, die Darstellung der Situation der Palästinenser in Termini, die dem Völkermord an den Juden angemessen seien, weder für legitim noch für ratsam. „Wer käme schon auf den Gedanken“ fragt er mit Edward Said in dessen berühmten Aufsatz „Grundlagen des Zusammenlebens“,  „Massenvernichtung moralisch mit Massenenteignung gleichsetzen? … Allein der Versuch wäre töricht.“

Damit positioniert sich der Autor. Nicht etwa um seine Analysen zu legitimieren. Das hat er nicht nötig. Es geht dabei um viel mehr:

Der wesentliche Leitgedanke wird am Ende des Buchs noch einmal zusammengefasst:

Die gegenseitige Anerkennung der Shoah und der Nakba muss weitere Fortschritte machen, damit eine echte Verständigung stattfinden kann.

Doch auch das genügt nicht. Genauso wichtig ist es, dass Araber außerhalb von Palästina ihre – jeweils unterschiedliche – Verantwortung für den Exodus und die Beraubung der arabischen Juden und für die Verfolgung der Palästinenser übernehmen.

Auch bei den anderen genannten gesellschaftlichen Erscheinungen Zionismus, arabischer Nationalismus, antimuslimischer und antijüdischer Rassismus lässt sich Achcar nie dazu verleiten, eine gleichgewichtige Komplementarität oder gar eine Symmetrie zu konstruieren.

Eine der wichtigsten Leistungen des Buches besteht im Gegenteil darin, trivialisierenden oder auch nicht hinreichend präzisen Vergleichen oder Gleichsetzungen entgegenzutreten und sie, ungeachtet der Provenienz, des Standorts und der ideologischen Absicht des Verfassers differenziert als dilletantisch oder auch nur polemisch auszuweisen und zurechtzurücken.

Eine Rekonstruktion historischer Gegebenheiten, die nachhaltig aufklären will und nicht in strukturkonservativer Absicht vorgenommen wird, muss an der vertrauenswürdigen Redlichkeit des Konstrukteurs und den nachvollziehbar umsichtigen Konstruktionen gemessen werden. Zumal, wenn es sich um Konstruktionen so schwieriger Realitätskonstellationen handelt wie, „Die Araber und der Holocaust“. Das Buch hält höchsten Messlatten stand.

Ausgewählte Kostproben

Zionismus und Nakba – zwei übergeordnete Stränge

Es gibt sie nicht,  „die Araber“ lautet der erste Satz der Einleitung zum ersten Teil. Es gibt zig Strömungen, Interessen und Subkulturen.

„Wie ‚die Juden‘ oder ‚die Muslime‘, gibt es auch ‚die Araber‘ als intellektuell oder politisch gleichförmige Gruppe nur in der Einbildung einer durch alltäglichen Rassismus oder politischen Fanatismus verzerrte Wahrnehmung /…/

Eine essentialistische kulturelle Verortung der „Orientalen“, die auf ein stereotypes unveränderliches Wesen, auf eine feststehende ‚Mentalität‘ reduziert werden, übergeht die tiefen Spaltungen und Verwerfungen, die die arabische Welt als historisch gewachsene Region durchziehen.“

Alle wesentlichen politisch-ideologischen Kräfte der arabischen Welt werden ebenso wie die wichtigsten Protagonisten für die Zeitabschnitte der beiden Hauptteile aufgewiesen, um ihre Wirkung und Bedeutung aus heutiger Sicht einzuordnen.

Ein Gesichtspunkt wurde mir beim Lesen des Buchs so viel deutlicher als in allen anderen Publikationen vordem.

Die Ausrichtung und Wirkung der originär einheimischen Kräfte, Bewegungen und Organisationen lassen sich in den fraglichen Zeitabschnitten nicht begreifen ohne auf das zionistische Projekt zu rekurrieren, das Ende des 19 Jahrhunderts initiiert, sich seitdem in der Region regelrecht eingepflanzt hat und nolens volens inzwischen zur Region gehört.

Bei der Behandlung aller Subthemen beider Buchteile, Zeit des Nationalsozialismus und Antisemitismus in Europa zwischen 1933 und 1945 sowie Zeit der Nakba seit 1948 ist daher „Zionismus“ nicht nur im Hintergrund mitzudenken. Vielmehr wird diese Folie ständig beleuchtet und immer wieder in den Vordergrund gerückt.

In dem Buch wird m. E. ausgezeichnet herausgearbeitet, dass eben nicht nur das Narrativ Nakba, das es ohne die zionistische Besiedlung Palästinas gar nicht gäbe. Auch die Narrative aller anderen einheimischen, antikolonial, auf nationale Unabhängigkeit gerichteten Bewegungen und sogar die religiös panislamistisch ausgerichteten Strömungen mussten sich seit den 20er/30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts direkt oder indirekt immer auch zur Erscheinung Zionismus verhalten.

Dies gilt natürlich umso mehr, wenn es – wie im Buch –  speziell um die Untersuchung des Verhältnisses der Einheimischen zum Nationalsozialismus, zum Völkermord an den Juden und zum Antisemitismus in der Zeit von 1933 bis 1945 und im Prinzip bis zum heutigen Tag geht.

 

 

 

 

Thesen zum Zionismus

Die zentrale Eingangsthese des Autors, der um die Geschichte des Zionismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestens Bescheid weiß:

„Die Machtergreifung der Nazis 1933 und das, was danach kam, stellt „den entscheidenden Faktor dar, der den Auffassungen der Zionisten Glaubwürdigkeit verlieh und letztendlich zur Umsetzung ihres Projekts führte“.

Dies belegen auch alle Statistiken der jüdischen Einwanderung in die Region.

„Der ,Staat der Juden‘“ stellt Achcar nüchtern fest „verdankt also seine Entstehung aus mehr als einem Grund dem Holocaust.“

Es ist hier nicht der Ort auf die Gründe im Einzelnen einzugehen. Der Autor erwähnt dankenswerter Weise u. a. die doppelgesichtige Politik der europäischen Achsenmächte, die Juden während der Nazizeit und erst recht in den ersten Jahren danach lieber im fernen Palästina als im eigenen Land untergebracht wissen wollte.

Erwähnt wird auch das von Großbritannien vermittelte, so genannte Hoofien- oder besser bekannt als Haawara-Abkommen zwischen den Zionisten und den Nazis im August 1933, die Juden aus Deutschland gegen Bezahlung die Ausreise nach Palästina und nur nach Palästina ermöglichte. Der Autor vergisst auch nicht die kläglich gescheiterte Eviankonferenz, die 1938, auf dem Höhepunkt der antisemitischen Judenvertreibung von Franklin D. Rooswelt nach Evian einberufen war, um die Notaufnahme jüdischer Flüchtlinge zu beraten.

„Letztendlich sorgte also der Nationalsozialismus“, lesen wir, „indem er die jüdische Einwanderung nach Palästina erheblich förderte, dafür, dass die Bewegung das kritische Gewicht erlangte, um 1948 politisch und militärisch zu triumphieren.“ Herzls Vision bestätigte sich so „auf eine Art allerdings, die er sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht hätte ausmalen können.“

Aus dieser These und der Tatsache, dass die Einwanderung von Juden aus Europa in Palästina sich in der Zeit zwischen 1933 und 1948 mehr als vervierfacht zieht Gilbert Achcar im Unterschied zu vielen anderen vor allem israelische Autoren– nicht den falschen Schluss, der Zionismus sei eine geeignete Antwort auf den Völkermord an den Juden. Der Zionismus bot zu keinem Zeitpunkt – auch nicht in der Zeit zwischen 1933 und 1945 oder danach in seiner Verkörperung als Staat Israel – eine wirkliche Antwort und eine vernünftige Lösung für das Problem „antijüdischer Rassismus“, das Juden in Ländern mit christlicher Mehrheitsgesellschaft historisch zur besonders geeigneten Projektionsfläche rassistischer Vorurteile gemacht hat.

Für die große Mehrheit der Juden ist ein jüdischer Staat als Lebensmittelpunkt offenkundig in keiner Weise attraktiv. Selbst in der Zeit zwischen 1933 und 1945 waren nicht mehr als 10% der Verfolgten bereit, nach Palästina zu gehen. Auch ist belegt, dass weitaus weniger Juden nach Palästina geflüchtet wären, wenn die USA, die Schweiz oder Großbritannien sich bereitgefunden hätten, mehr Juden aufzunehmen.

Nach 1945 erhöhte sich die Zahl zweifellos. Ich will aber unbedingt betonen, dass Israel von seiner Ausrufung im Jahre 1948 an, systematisch an der Demografie zu Gunsten seiner jüdischen Bevölkerung arbeitet. Inzwischen leben in Israel ca. mit 5,6 Millionen ca. 30% der 13 bis 15 Million weltweit über alle Kontinente verteilten Menschen jüdischen Glaubens.

 

Die die zweite übergeordnete These zum Zionismus: 

Der Zionismus ist eine Kolonisierungsbewegung.

Das gilt nicht nur als Zuschreibung von außen, sondern insbesondere auch immanent, dem eigenen Selbstverständnis nach. Die World Zionist Organization (WZO) positionierte sich seit ihrer Gründung unter Herzels Vorsitz im 1897 an der Seite der Kolonialmächte in der Region. Bereitwillig verbündete sie sich mit Großbritannien und Frankreich (auch der deutsche Kaiser sollte Pate stehen) und begriff sich – davon zeugen Einlassungen und Politik auch der Nachfolger Herzls – als Schutzwall der zivilisierten Welt gegen die sich ausbreitenden panarabischen und nationalen Befreiungsbewegungen.

So sah das zionistische Unternehmen, das wie der Autor schreibt „zunächst und vor allem eine Reaktion auf den Antisemitismus“ gedacht war, „die ethnisch-nationalistische Segregation der (europäischen FMR) Juden und ihre Zusammenführung auf einem eigenen Territorium vor.“ Seine Realisierung auf palästinensischem Land wurde von der einheimischen arabischen Bewohner Palästinas (das heutige Israel und Westjordanland) nicht ohne Grund „als eine weitere Erscheinung des europäischen Kolonialismus“ wahrgenommen, „zumal es sich im Wesentlichen unter dem britischen Mandat in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entfaltete.“

Bis zur Vertreibung des größten Teils der Palästinenser aus ihrer Heimat war es „immer wieder zu heftigen, gelegentlich auch blutigen Auseinandersetzungen zwischen arabischen Bauern und jüdischen Siedlern“ gekommen, die sich in der Zeit zwischen 1933 und 1945 – man denke auch an die Intifada von 1936 bis 1939 – zuspitzte.

„Es waren keine fremdenfeindlichen oder antijüdischen Reaktionen seitens der palästinensischen Dorfbewohner, jedenfalls anfänglich nicht, sondern vielmehr völlig vorhersehbare Reaktionen von Bauern, die von ihrem Land vertrieben worden waren. Den deutlichsten Beweis liefert die Tatsache, dass sich die Bauern, wenn die Siedler sie auf ihrem Land bleiben und es weiter bearbeiten ließen, in die neuen Verhältnisse fügten. Wenn dagegen die neuen Eigentümer die osmanischen Autoritäten veranlassten, die Bauern zu vertreiben, was nach der Jahrhundertwende immer häufiger vorkam, leisteten die Bauern Widerstand.“

Die Feindseligkeit der einheimischen muslimischen und christlichen Bevölkerung wuchs stetig in dem Maße, wie die Besiedlung zunahm. Vor allem sobald sich zugleich die Absicht der zionistischen Bewegung immer deutlicher abzeichnete, in Palästina einen Staat zu errichten.

„So wurde die Gegnerschaft zum Zionismus bereits einige Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu einem der zentralen Aspekte der sich herausbildenden palästinensischen Identität und des arabischen Nationalbewusstseins sowie der erstarkenden landesspezifischen, oftmals landesübergreifend vernetzten Unabhängigkeitsbewegungen, die im Verhältnis auch zum Zionismus als antikoloniale arabische Unabhängigkeitsbewegungen zu charakterisieren sind.“

Die dritte These zum Zionismus als übergeordnete Einflussdeterminante der Perzeption des NS-Regimes und Antisemitismus in der Region bezieht sich auf die Realisierung des zionistischen Vorhabens durch die Begründer des Staats Israel.

Gilbert Achcar zeigt unter Bezugnahme auf sowohl zionistische als auch auf Zionismus-kritische israelische Autoren, wie ab 1933 alle zionistischen Realpolitiker – zumal in Palästina – es verstanden, „die Not der Juden in Europa“ ungeniert zur wichtigsten Triebkraft der Verwirklichung ihres Hauptziels zu machen: der Gründung eines jüdischen Staats. Diese Haltung, die die politische Ideologie des Staats Israels nachweislich von Anbeginn prägte, sollte später vom wichtigsten Biograph Ben-Gurions, Shabtei Teveth, als „Philosophie des segensreichen Unheils“ bezeichnet werden. Ihr lag die Haltung zugrunde

„Je härter die Anfechtung der Juden in anderen Ländern, desto größer die Kraft des Zionismus“.

Die Instrumentalisierung also der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der europäischen Juden, um die Ansiedlung möglichst vieler Juden in Palästina voranzutreiben und die Gründung eines jüdischen Staats zu rechtfertigen, ist integrales, nicht nur ideologisch motiviertes, sondern wie im Buch stellenweise aufgezeigt wird, höchst praktisch politisches Moment der Staatsdoktrin Israels. Um es deutlich zu sagen: Die Zionisten haben den Völkermord an den europäischen Juden niemals gewollt noch jemals motiviert oder verursacht. Die zionistischen Führer und Realpolitiker in Israel der internationalen WZO haben aber bewusst und intendiert diese unheilvollen Erscheinungen genutzt, eben instrumentalisiert.

Vom ersten Augenblick seiner Gründung an berief sich der Staat Israel auf den Holocaust und den Kampf gegen den Nationalsozialismus, um seine Legitimität zu beweisen.

Die Worte David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 verlas, sind bekannt:

„Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muss, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert.

 

Die palästinensische Nakba – bewusst verursacht von Zionisten 

Für die Zeit nach 1948 wird die Zionismusfolie in der arabischen Region freilich von der Nakba durchwirkt, die sich unauslöschbar darin eingeschrieben hat.

Der Begriff Nakba „schmerzliche Katastrophe“ wird in arabischen Ländern seit 1948 benutzt, um die Staatsgründung Israels samt ihren Folgen zu umschreiben. Wir halten fest: der massenhaften Vertreibung der Palästinenser aus den Gebieten, die unter die Herrschaft des neuen Staates gerieten dem ersten arabisch-israelischen Krieg, der Niederlage der arabischen Armeen und – nicht zuletzt – die Weigerung Israels, den Palästinensern nach Beendigung der Feindseligkeiten die Rückkehr in ihre Häuser und auf ihr Land zu erlauben.

Wir erfahren, – für mich war dies neu –, dass der syrische Intellektuelle Constantine Zurayk (Qustantīn Zurayq), ein liberaler arabischer Nationalist, allgemein als derjenige gilt, der dem Begriff Nakba als Bezeichnung für „Die Katastrophe“ (al-nakba) zu allgemeiner Verbreitung verholfen hat. Seine Broschüre Die Bedeutung der Katastrophe, die 1948 herauskam und ein Jahr später erneut aufgelegt wurde, hatte großen Einfluss auf die öffentliche Meinung. In der Einleitung erklärt der Autor:

„Die arabische Niederlage (hazīma) in Palästina bezeichnet nicht nur einfach einen Rückschlag oder ein vorübergehendes Missgeschick, sondern ist in jeder Hinsicht eine Katastrophe (nakba), eine schwere Prüfung, eine der schwersten, die den Arabern in ihrer langen Geschichte der Prüfungen und Herausforderungen auferlegt wurden.“

Achcar fragt in seinem Buch nach den Gründen dafür, dass die palästinensische Tragödie der Palästinenser – er schließt darin ihre Situation als Flüchtlinge, ihre Unterdrückung und Ausgrenzung in Israel und ebenso in den besetzten Gebieten des Westjordanlands und Gaza, in der arabischen Welt und darüber hinaus mit vergleichsweise großem doch Interesse bedacht wird.

„Unter den kolonialen Verbrechen“ lesen wir, „ist das Schicksal der Palästinenser beileibe nicht das schlimmste. Die Einzigen, denen man es nachsehen kann, wenn sie anders darüber denken, sind die unmittelbare Betroffenen, sofern ihnen die erforderliche Grundlage für einen Vergleich fehlt.“

Wie also ist es zu erklären, dass die Unterdrückung der Palästinenser durch die Israelis unter den heutzutage besonders heiß diskutierten Themen einen solch zentralen Platz einnimmt?“

Antisemitische Motive aber auch die Annahme, dies hänge damit zusammen, dass ein Volk, das selbst über Jahrhunderte der Vertreibung und Ausgrenzung ausgesetzt gewesen war, sich nun an einem anderen Volk in derselben Weise vergehe, weist er strikt zurück.

Vielmehr sieht er den wesentlichen Grund in der Tatsache, dass

„Israel der einzige koloniale Siedlerstaat europäischen Ursprungs ist, in dem die einheimische Bevölkerung noch auf die Wiedererlangung ihrer politischen Rechte wartet (sieht man einmal ab von Fällen wie Nordamerika oder Australien, wo die eingeborene Bevölkerung durch die Kolonialisierung quasi ausgelöscht wurde). Nach dem Ende des südafrikanischen Apartheidsystems im Jahr 1994 ist die palästinensische Frage der letzte verbleibende Konfliktherd des europäischen Kolonialismus.“

Gegenwärtig sei Israel der einzige Staat der Welt, der eine koloniale Unterdrückung praktiziert. Die drei wesentlichen, miteinander verbundenen Bestandteile dieser Praxis gibt Achcar an:

Angehörige der einheimischen Bevölkerungsminderheit, die nach

1948 im Land geblieben sind (die „israelischen Araber“), haben den Status von Bürgern zweiter Klasse;

Seit 1967 „leben die Bewohner der Westbank und des Gaza-Streifens

entweder unter Besatzung oder unter direkter israelischer Kontrolle; und

Die „große Mehrheit der Palästinenser hat den Status von Vertriebe

nen, die an der Rückkehr in ihr Land gehindert werden. Die Mehrheit der letztgenannten Gruppe lebt in Flüchtlingslagern, entweder im Umkreis des Kolonialstaates oder in den Gebieten, die dieser kontrolliert; andere sind Teil der großen palästinensischen Diaspora; wieder andere leben innerhalb der Grenzen von 1948 als Binnenflüchtlinge („internally displaced persons“).

 

„Die Erkenntnis, dass Israel eine Kolonialmacht ist, setzte sich im Westen nur  allmählich durch und in der Linken noch langsamer als in der Rechten – in Israel selbst natürlich am langsamsten.“

Vor diesem Hintergrund erscheint der palästinensische Kampf als das, was er tatsächlich ist: der letzte bedeutende antikoloniale Kampf.

Indes ändern die  „spezifischen Gründe für die weltweite Bedeutung der Konflikte im Nahen Osten nichts daran“, dass „die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel heute einen höheren Grad erreicht hat als je zuvor.“

Die arabische Welt und der überwiegende Teil der sogenannten Dritten Welt blickt auf den Staat, der von sich behauptet, die Opfer der Shoah zu repräsentieren, vom Standpunkt der Opfer der Nakba und im Lichte des weiteren Vorgehens Israels. Dieser Umstand hat großen Einfluss darauf, wie der Holocaust im arabischen Osten wahrgenommen wird – eine Wahrnehmung, die von der Shoah ausgehend über die Nakba bis heute immer komplizierter geworden ist.

An dieser Stelle will ich inne halten.

Beim Lesen des Buches wird auf jeder einzelnen Seite klar, dass die Konstellationen der arabischen Region, um die es geht, sich einer eindimensionalen Analyse von Ursache-Wirkung-Beziehungen verschließt.

Die Dichte des durchgängig diskursiven Textes speist sich vornehmlich aus der Fülle der Fakten, der Zusammenhänge und der bedenkenswerten Anschauungen, die der Autor zusammenträgt und zurückspiegelt.

Das Buch ist ein fortwährender Diskurs mit anderen Autoren, mit Protagonisten, Interpreten und Kommentatoren vergangener Zeiten. Unzählige Stimmen der verschiedenen Glaubensrichtungen und Nationalitäten, der unterschiedlichsten politischen und ideologischen Strömungen kommen zu Wort. Manche werden verstärkt, andere zurechtgerückt. Über lange Strecken streitet sich Gilbert Achcar mit den „Figuren“, die er, seien sie israelische, islamistische oder palästinensische Ideologen vorzuführen entschieden hat..

Dabei ist er bestrebt, keinen Satz an Gefühl und Metaräsonieren zu verschwenden. Er will, wie er schreibt, Erscheinungen, Verhältnisse und Determinanten der jüngeren Geschichte der Region mit „kühler Distanz“ untersuchen, … um möglichst objektiv zu bleiben.

Und doch scheint an jeder Stelle seine tiefe Verbundenheit zur Region durch. Es ist nicht auszumachen, ob und aus welchem religiösen, politischen, ideologischen oder nationalen Standort das Buch geschrieben ist.

Gleichwohl: Gilbert Achcar schreibt als Antiimperialist als Einheimischer, der alle Erscheinungen des Kolonialismus und fremdländischen Hegemonismus aber auch der überlieferten eigenen Rückschrittlichkeit in der Region leid ist und endlich die  emanzipatorischen Aufklärungspotentiale, die schon so lange dort schlummern, zum Durchbruch gelangen sehen will.

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