Stellungnahme zum Gedicht von Günter Grass

„Was gesagt werden Muss …“ und nicht verschwiegen werden darf

Stellungnahme der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.  zum Gedicht von Günter Grass

Wir, die Mitglieder der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost, gratulieren Günter Grass für seine aufrichtige Aussage in bezug auf die Atompolitik Israels. Auch wenn Günter Grass durch sein langes Schweigen über seine ehemalige Angehörigkeit zur Waffen-SS Glaubwürdigkeit in Sachen NS-Aufarbeitung einbüßt, so zeigt die hysterische Reaktion jüdischer und nicht-jüdischer Deutscher deutlich, dass er ins Ziel getroffen hat. Mit Recht weist Grass auf die überlegene Stärke der vierten Atommacht des Staates Israel und die Gefahr eines tödlichen Kriegs, der mit oder ohne Unterstützung der USA den ganzen Nahen Osten in Mitleidenschaft ziehen und möglicherweise auf die restliche Welt  übergreifen würde. Der Wunsch der im Iran Herrschenden, dass das “zionistische Regime” verschwinden möge, hat seine genaue Entsprechung im Wunsch der USA und Israels, dass das “islamistische Mullah-Regime” verschwinden möge. Unsere Medien und Politiker verteufeln das eine als “Vernichtungsdrohung gegen die Bevölkerung” und spielen das andere als “berechtigte Forderung” herunter.

Wir verteidigen das Recht aller deutscher Bürger und Bürgerinnen die menschenverachtende Politik des Staates Israel zu kritisieren, ohne als Antisemiten diffamiert zu werden. Diese Taktik dient nur dazu, jegliche Kritik an der israelischen Politik abzuwürgen, wie auch vom real existierenden Antisemitismus abzulenken. Ein „jüdischer“ Staat sollte und wollte ein Staat sein wie jeder andere und als solcher Muss auch Israel Menschenrechte respektieren und sich dem Völkerrecht beugen, ohne wegen der Vergangenheit einen Ausnahmestatus zu beanspruchen. Wie Günter Grass unterstreicht, sollte gerade Deutschland sich nicht zum Handlanger einer neuen Katastrophe machen. In diesem Zusammenhang ist es mehr als bedenklich, dass die von der Bundesrepublik an Israel gelieferten U-Boote mit atomaren Sprengköpfen aus gerüstet werden können. Auch deshalb beobachten wir die Waffenlieferungen der Bundesregierung an Israel mit Sorge und fordern diese auf, den nötigen Druck auszuüben, auch durch Sanktionen, um Inspektionen und Kontrollen des israelischen Atomprogramms zu ermöglichen wie für jedes andere Land üblich ist. Als Jüdische Stimme befürworten wir einen atomfreien Nahen Osten.

Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.

05.04.2012

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3 Antworten auf Stellungnahme zum Gedicht von Günter Grass

  1. Martin Forberg sagt:

    Kommentar- Martin Forberg

    “Chapeau, Herr Grass! Gut gemacht!”

    Das Gedicht “Was gesagt werden muss” von Günter Grass hat für ein
    starkes Echo gesorgt – von “Empörung” ist in den Schlagzeilen die
    Rede. Es hat den Anschein, als seien die zustimmenden Reaktionen
    spärlicher und leiser. Das aber kann sich sehr schnell ändern. Denn es
    wird immer deutlicher, dass es bei dem Text, in dem Grass vor einem
    israelischen Angriff auf Iran warnt, nicht in erster Linie um dessen
    exakten Inhalt geht. Der Literaturnobelpreisträger hätte auch dichten
    können: “Do Re Mi La Ti Do – Kein Krieg gegen Iran – Basta.Dot.Com”!
    Er hat sich ein wenig mehr Mühe gegeben und hat viel “Richtiges”
    geschrieben (wenn diese Kategorie bei der Beurteilung eines Gedichts
    nicht überhaupt albern ist). Andere Passagen mögen weniger gelungen
    sein. Sei’s drum: der drohende Waffengang mit unabsehbaren Folgen für
    Iran, für Israel, für die Region, und wahrscheinlich für die ganze
    Welt ist wieder in der öffentlichen Diskussion. Und da gehört dieser
    zukünftige Krieg hin – bevor das erste Kampfflugzeug aufsteigt. Er
    sollte erst in die Mitte der gesellschaftlichen, politischen Debatte
    befördert werden – und dann auf den Müllhaufen der Geschichte, ehe er
    schreckliche Wirklichkeit geworden ist.

    An der Verhinderung der Katastrophe haben in den letzten Wochen
    Menschen mit Verantwortung in Israel, in Iran (dort nicht zuletzt aus
    der Opposition), in den Vereinigten Staaten von Amerika, und anderswo
    auf der Welt gearbeitet. Nun hat sich Günter Grass dazu gesellt. Das
    wird ihm neben dem Literatur- nicht zusätzlich noch den
    Friedensnobelpreis einbringen. Aber auch viele seiner Kritikerinnen
    und Kritiker dürften denken:

    “Chapeau, Herr Grass! Gut gemacht!” Welchen Bahnstrahl gegen ihn sie
    auch immer in Mikrofone und Kameras schleudern mögen. Diese innere
    Erleichterung mag ganz besonders Menschen erfassen, die ihr Geld in
    der Politik verdienen. Denn: die Bundesregierung hat sich zwar von dem
    angekündigten Krieg gegen Iran distanziert. Aber nur, wer den
    Realitätssinn eines Waldschrats hat, mag glauben, dass diese Ablehnung
    eine machtvollere Bedeutung hat als ein Husten in den Gängen des
    Bundeskanzleramtes. Ohne den Druck aus der Zivilgesellschaft, ohne
    prominente Stimmen der Kritik werden Angela Merkel und ihre Crew
    entschlossenen Kriegsakteuren nichts entgegen zu setzen haben – selbst
    beim besten Willen nicht, den man eben auch nicht unbedingt
    voraussetzen kann (Stichwort U-Bootlieferungen).

    Nebenbei bemerkt: es fällt auf, wie oberflächlich manche
    “Literaturkritiker” zu Werke gehen, wenn sie sich des Gedichts von
    Günter Grass annehmen: da wird bemängelt, dass der Dichter den
    iranischen Diktator Nummer Eins (den Präsidenten Ahmadinejad) als
    “Maulhelden” bezeichnet. Das sei eine Verharmlosung. Manche gehen in
    ihrer eifrigen Lyriklektüre noch weiter und halten es für ganz falsch,
    dass Grass den mächtigeren der iranischen Diktatoren, den “Geistigen
    Führer” Khamenei nicht einmal erwähnt. Die Poesie hat’s wirklich
    schwer, vor allem dann, wenn sie mit politischen Hintergrundartikeln
    verwechselt wird. Warum aber nur erwähnen die eifrigen Kritiker an
    dieser Stelle nicht, dass Grass schreibt, das iranische Volk werde von
    dem erwähnten Maulhelden “unterjocht”? Ist das etwa ein milder
    Ausdruck?

    Natürlich halten manche professionellen Leser Günter Grass für “naiv”:
    weil er sich für “eine unbehinderte und permanente Kontrolle des
    israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch
    eine internationale Instanz” ausspricht. Aber ohne ein bisschen
    aufgeklärte Naivität von dieser Sorte wäre die Welt in der wir leben
    wohl schon längst in dem verblödenden Morast von Machtversessenheit,
    Opportunismus und Zynismus abgesoffen.

    Martin Forberg

  2. Abraham Melzer sagt:

    Was gesagt werden muss
    Kommentar- Abraham Melzer

    Mit Befremden und Entsetzen verfolge ich die Debatte um das Gedicht von Günter Graß, das in der SZ veröffentlicht worden ist. Es fällt mir schwer darin antisemitische Tendenzen zu entdecken und ein Vergleich mit den früheren Ritualmordanklagen, wie es vom israelischen Botschafter gemacht worden ist, wäre mir niemals in den Sinn gekommen. Allein schon dafür möchte ich mich bei Ihm entschuldigen, auch wenn ich nicht der Urheber dieser absurden und zynischen Diffamierung bin. Ich finde es unerträglich und absurd wie führende jüdische Persönlichkeiten auf diese harmlose Kritik reagieren, wie zum Beispiel auch Elie Wiesel, der sich öffentlich fragt, ob „der Deutsche wieder sein Haupt erhebt.“ Eine Nummer kleiner ging es offensichtlich nicht. Wiesel und seine Kollegen tun so, als ob die Kritik von Graß aus seiner angeblichen Nazivergangenheit stammt und nichts zu tun hat mit der wahnsinnigen Politik Israels. Da argumentiert man lieber demagogisch und veröffentlicht Beleidigungen zur Person, statt sich mit der Sache auseinanderzusetzen. Das ist aber typisch für diese Auseinandersetzung, in der das übergeordnete Motto wohl ist: Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht. Was in dieser Geschichte so schrecklich ist, das ist dieser so billige und unverantwortliche Umgang mit dem Begriff „Antisemit“. Heute ist jeder, der Israels Politik auch noch so harmlos kritisiert, ein Antisemit. Aber irgendwann, wenn wir uns mit dem real existierenden Antisemitismus und mit echten Antisemiten werden auseinandersetzen müssen, wird uns kein Mensch mehr glauben.
    Das Gedicht mag einseitig sein, wie vor wenigen Wochen die spontane Reaktion von Siegmar Gabriel angesichts der offensichtlichen Lage in Hebron. Mag sein, dass Graß Ursache und Wirkung verwechselt hat, obwohl eine Umfrage vor wenigen Jahren ergeben hat, dass in Europa eine Mehrheit Israel als Gefahr für den Frieden sieht. An keiner Stelle werden aber im Gedicht Juden als Rasse diffamiert und an keiner Stelle wird die Existenz des Staates Israel in Frage gestellt. Einseitigkeit ist kein Grund jemanden so zu verteufeln. Es hätte gereicht ihm mit der anderen Seite zu antworten. Er hat lediglich eine Politik in Frage gestellt, die auch uns Europäer gefährdet und bedroht. Wer es nicht sieht, will es nicht sehen, und aus dieser, in meinen Augen berechtigten, aber recht harmlos ausgefallenen Kritik, eine solche weltbewegende Affäre zu machen, ist der Gipfel der Heuchelei und der Verlogenheit. Leute wie Wiesel, Giordano, Graumann und wie sie alle heißen, verteidigen nur ihre Privilegien betreffend der Deutungshoheit der Shoah. Man kann nicht mehr ignorieren, dass die Shoah und der Vorwurf des Antisemitismus zum Hauptargument der israelischen Politik und der Blockwarte dieser Politik geworden sind. Wenn die USA sich gegen den widerrechtlichen Bau in Ostjerusalem stellt, schickt Israels Außenminister Avigdor Liebermann an Hillary Clinton ein Bild vom Mufti Hag Amin al Husseini zusammen mit Hitler. Wenn sich die Europäer gegen einen Angriff auf den Iran äußern, wedelt Netanjahu mit Briefen aus Auschwitz und wenn Günter Graß vor einem Atomschlag warnt, dann ist er „ein gebildeter Antisemit“. So wird eine solche Einstellung früher oder später zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, da sie diejenigen in die Hände spielt, die die Vernichtung Israels wollen. Leider drängt eine solche maßlose und unberechtigte Diffamierung der Kritiker der israelischen Politik auch diejenigen, die für einen Kompromiss zwischen Palästinensern und Israelis kämpfen, in die falsche Richtung.
    Wie pawlowsche Hunde sind wieder alldiejenigen aufgeschreckt, die angeblich nur das Gute wollen aber leider immer wieder das Böse schaffen oder zumindest verteidigen. Es ist wieder der Schatten von Auschwitz, der über dieses Land schwebt und jede sachliche Diskussion über Israels Politik verhindert. Bei keinem anderen politischen Konflikt sind die Emotionen so hoch und unkontrolliert und bei keinem anderen Konflikt beteiligen sich so viele Unbeteiligte, die besser wissen wollen, wer Recht hat und wer im Unrecht ist.
    Immer mehr Menschen und darunter erfreulicherweise auch immer mehr Prominente wagen es Israels Politik zu kritisieren. Die pawlowschen Hunde bleiben dieselben und sie reagieren deshalb so schnell und so einseitig, manchmal wie ein Schall vor dem Blitz, weil sie immer dieselben Argumente vorbringen, nämlich überhaupt keine Argumente, sondern immer dieselben Beleidigungen. Sie machen es sich leicht und versuchen gar nicht sich mit der jeweiligen Kritik auseinanderzusetzen. Warum auch? Wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit, der alle Juden vernichten will. Ich schäme mich diese Art von Kritik zu wiederholen.
    Die ganze zionistische Meute hat Graß angegriffen, weil er, wie erst vor wenigen Tagen der SPD Politiker Sigmar Gabriel, eine Kritik ausgesprochen hat, die absolut berechtigt ist. Es ist deshalb absolut unsinnig und dumm zu behaupten, Graß hätte deshalb „ein Problem mit Juden“. Wenn das so ist, das jeder, der Israels Politik kritisiert, ein Problem mit Juden hat, bzw. ein Antisemit sei, dann sind auch viele Juden und Israelis Antisemiten, denn viele Juden und Israelis kritisieren Israels Politik viel heftiger als Graß oder Gabriel es je wagen würden. Dabei ist sein Text weder eine Dämonisierung Israels noch ein „Anschlag auf Israels Existenz“. Es gilt schließlich die Freiheit der Kunst und die Freiheit auf eine eigene kritische Meinung und insofern muss man die Reaktionen seiner Kritiker als einen Angriff auf das Grundgesetzt sehen und als einen Angriff auf uns allen. Die Kritik von Graumann, Broder und Giordano sagt mehr über diese verblendeten Zionisten aus, als über Günter Graß. Sie werden nicht müde zu behaupten, dass Kritik an Israel erlaubt und nicht verboten sei. Wenn aber jemand aus diesem Recht Gebrauch macht und Israel tatsächlich kritisiert, dann wird er in allen Medien und mit allen Methoden fertig gemacht. Man darf sich deshalb nicht wundern, wenn bei vielen Menschen die Zensur, die rein rechtlich nicht vorhanden ist, dennoch im Kopf besteht, in Form vor Angst vor einer Existenz vernichtenden Diffamierung.
    Es ist ein Hohn und ein Skandal, dass man Ihm vorwirft gegenüber dem Iran blind zu sein, während am gleichen Tag Israels Verteidigungsminister Ehud Barack in einer Pressekonferenz deutlich gesagt hat: „Es ist eine Pflicht zu handeln. Ein Iran mit einer Atombombe kann nicht geduldet werden.“ Zu dieser Hetze und Drohung schweigen die vielen Kritiker. Israel will offensichtlich nicht nur die einzige Demokratie im Nahen Osten bleiben, sondern auch die einzige Atommacht. Wobei Israel als „jüdischer Staat“ alles andere als eine lupenreine Demokratie ist. Ein Viertel der Bevölkerung Israels lebt in keinen demokratischen Verhältnissen, sondern in einem Apartheidstaat. Das darf man aber nicht sagen, weil man dann als ein Antisemit gilt. Was aber den im Iran Herrschenden betrifft, dass das „zionistische Regime“ verschwinden möge, so hat es seine genaue Entsprechung im Wunsch der USA und Israels, dass das „islamitische Mullah-Regime“ verschwinden möge. Unsere Medien und Politiker verteufeln das eine als „Vernichtungsdrohung gegen die Bevölkerung“ und spielen das andere als „berechtigte Forderung“ herunter. So wird auch immer wieder von der „Radikal-Islamischen-Hamas“ geredet und von der nicht minder radikalen israelischen Regierung geschwiegen.
    Es kann und darf natürlich nicht sein, dass man jeden, der diese israelische Kriegshetze verurteilt, von der Lage in den von Israel besetzten Gebieten wollen wir gar nicht erst anfangen, als einen Antisemiten diffamiert. Wir alle müssen uns endlich von dieser traurigen Illusion befreien, dass jede Kritik an Israel Antisemitismus sei. Wir können es nicht mehr ertragen und halten diese Kritik an den Kritikern der israelischen Politik als kontraproduktiv für die Israelis, für die Juden und für unsere Demokratie.
    Insofern freue ich mich, dass Graß den Mut gehabt hat sich so zu äußern, wie er es getan hat, obwohl er gewusst haben muss, dass man versuchen wird ihn in der Luft zu zerreißen. Da empfinde ich Abscheu und Unverständnis, wenn Alan Posener in der WELT scheinheilig fragt: Weshalb Mut dazu gehören soll, ein kleines Volk unter Druck zu setzen? Wer sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt weiß inzwischen sehr gut, wie „klein“ dieses Volk ist und dass die Gleichung „David gegen Goliath“ schon 1948 nicht gestimmt hat. In noch größerer Scheinheiligkeit fragt Alan Posener: „Welchen „palästinensischen Boden“ außer den nach dem arabischen Angriffskrieg von 1967 besetzten Gebieten soll Israel noch räumen?“ Auf diesem abscheulich verlogenen Niveau findet leider die gesamte Debatte um den Nahostkonflikt statt. Nicht nur, dass hier unterstellt wird, die arabischen Staaten hätten 1967 einen Angriffskrieg begonnen, vielmehr wird hier auch noch behauptet, dass Israel offensichtlich die eroberten Gebiete von 1967 zurückgegeben hätte und man fragt entrüstet und selbstgerecht, welche Gebiete soll Israel „noch“ zurückgeben? Auf diesem Niveau wollen und können wir keine Debatte führen und wir halten es für richtig, dass Graß sich nicht mehr äußern will, denn es ist vergeblich ihnen zu erwidern, sie werden immer wieder sagen: Antisemit.
    Ein Antisemit war einst ein gefährlicher Feind der Juden. Heute ist aber jeder schon ein Antisemit, der Israels Politik kritisiert. Da es aber auch sehr viele Juden gibt, die diese Politik nicht gut finden, gibt es immer mehr „Antisemiten“ unter den Juden selbst.
    Die Aufregung um die berechtigte Kritik von Günter Graß und die Aufregung um die berechtigte spontane Kritik von Siegmar Gabriel, ist ein Symptom dafür, dass in unserer Gesellschaft immer noch zwischen Leid und Leid unterschieden wird. Das Leid der Juden, deren Shoah immerhin vor mehr als sechzig Jahren beendet wurde, ist für viele Deutsche wichtiger, als das Leid der Palästinenser, obwohl man beide Katastrophen gar nicht vergleichen kann und darf. Leid ist immer individuell und kann nicht verglichen werden. Es liegt ja auf der Hand, dass für die Palästinenser ihr Leid, ihre Nakba, wichtiger, bedeutender und unmittelbarer ist, als das Leid der Juden, die ihrerseits nichts für das Leid der Palästinenser übrig haben. Weil aber die Deutschen immer nur das sehen, was sie den Juden angetan haben, und darin liegt auch nichts negatives, sind sie blind für das, was die Israelis den Palästinensern angetan haben und immer noch täglich antun. Man ist deshalb sehr schnell dabei Kritiker der israelischen Politik zu verurteilen und sie sogar als Antisemiten zu diffamieren, obwohl in den meisten Fällen, wie zum Beispiel in den letzten zwei Fällen von Gabriel und Graß, lediglich Israels Politik kritisiert wurde, nicht alle Israelis und schon gar nicht alle Juden.
    Dabei sind aber die Deutschen für das Leid beider Völker mittelbar und unmittelbar verantwortlich und sie können sich nicht ihrer Verantwortung gegenüber den Palästinensern entledigen, indem sie jeden, der für sie Partei nimmt als einen Antisemiten mundtot machen.
    Als Jude, der für einen gerechten Frieden im Nahen Osten kämpft, verteidige ich das Recht eines jeden Menschen zu diesem Konflikt seine Meinung zu sagen und wünschen lieber eine sachliche und ehrliche Debatte, als ein sich immer wieder wiederholendes Gejammer über vermeintlichen Antisemitismus. Denn in einer solchen Welt, wo die Vereinbarungen von Oslo mit den Vertrag von München verglichen werden können, war es auch leicht Plakate von Itzchak Rabin in einer SS-Uniform auf Demonstrationen zu zeigen. Verantwortlich dafür war damals Benjamin Netanjahu, der heute aus Ahmadinegad einen neuen Hitler macht. Das Judentum und die Juden sind etwas anderes, als der Staat Israel. Wenn sich Menschen kritisch zum Staat Israel äußern, ist das kein Angriff gegen das Judentum. Warum schweigen all diese selbsternannten Wächter des Zionismus zu der massiven Kritik an Israels Armee, die von israelischen Soldaten geäußert wird, die sich in der Organisation „Breaking the Silence“ versammelt haben. Es sind inzwischen tausende. Sie berichten von Kriegsverbrechen, Morde und fortwährende Verbrechen gegen das Völkerrecht. Der Staat Israel und die israelische Armee zerstören Tag für Tag das Ansehen der jüdischen Religion und der jüdischen Moral bei sehr vielen Menschen.
    Ich bin deshalb dankbar, dass sich jemand wie Günter Graß getraut hat, das öffentlich zu sagen. Der Angriff auf ihn ist unredlich und verlogen. Jeder „gebildete Mensch“ müsste ein Problem mit Israel haben, nicht aber mit Juden. Der Versuch Israel immer wieder mit den Juden gleichzusetzen wird früher oder später wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Israel ist ein nationaler, wenn nicht gar ein nationalistischer Staat, der beinahe ein Viertel seiner Bevölkerung gesellschaftlich unterdrückt. Das kann man und muss man nicht verschweigen, auch wenn Israel sich Kritik in jeder Form verbietet und immer wieder treue Vasalen findet, die es dabei unterstützen. Die Bevölkerung in Deutschland hat es Leid dass jeder, der hier etwas auf den Punkt bringt, sofort als Antisemit hingestellt wird. Man muss kein Antisemit sein, um Israel zu kritisieren, man muss auch kein Nahostexperte sein, man muss nur einen gesunden Menschenverstand haben, ein Gewissen und ein wenig Mut.
    Günter Graß hat Israel nicht denunziert und nicht dämonisiert, wie es Dieter Graumann behauptet hat. Er hat nur das gesagt, was gesagt werden musste.

  3. Prof. Dr. Rolf Verleger, Lübeck sagt:

    Leserbrief als “Kontra” auf “idea-Spektrum”

    Kommentar- Prof. Dr. Rolf Verleger, Lübeck

    Die meisten der von Ihnen zitierten Reaktionen auf Günter Grass kritisieren ihn heftig. Bei den von Ihnen zitierten Juden frage ich mich allerdings: Soll das ein jüdischer Standpunkt sein?
    „Was dir verhasst ist, tu deinem Nächsten nicht an! Das ist die ganze Torah, der Rest ist Erläuterung“, lehrte Hillel (ca. 30 v. bis 9 n. Chr.), Begründer des einflussreichsten jüdischen Lehrhauses. Wenden wir dies an: Irans Präsident Achmadinedschad fordert, das zionistische Regime Israel solle von der Landkarte verschwinden. Das ist nicht freundlich. Aber Israel fordert schon seit langem einen „Regimewechsel“ im Iran. Tut es damit dem Iran nicht genau das an, was ihm selbst verhasst ist? Ebenso: Iran möchte vielleicht die Atombombe. Aber Israel hat sie längst schon selbst. Mit welchem Recht kann es sie dem Iran verbieten?
    Sowohl die USA als auch Israel vertreten hier kurzsichtig ihre Interessen, und die EU spielt leider mit. Die USA wollen im ölreichen Nahen Osten nur wohlgesonnene Regimes – und sie möchten den Fehler wettmachen, dass sie mit ihrem Irak-Krieg dem Iran mehr Einfluss verschafften. Aber was ist am Iran schlechter als an Pakistan oder Saudi-Arabien? Hat der Iran kein Recht auf ökonomische und politische Entfaltung? Achmadinedschads Rechtfertigung für seine verbalen Ausfälle ist die schwärende Wunde des Unrechts Israels: 1948 Vertreibung der Palästinenser, ihre Enteignung und gewaltsame Verhinderung ihrer Rückkehr, heute ihre Diskriminierung in Israel, ihre Rechtlosigkeit in der Westbank, ihre Einkesselung in Gaza. Israel möchte von diesem Unrecht nicht reden und setzt sich stattdessen als Opfer einer hypothetischen künftigen iranischen Atombombe in Szene. Ist dieser Themenwechsel nicht sehr willkommen?
    “Du sollst nicht morden”, wurde uns geboten. Denn Gewalt ist niemals eine Lösung. Wenn man den israelischen Rechtsnationalisten zuhört, könnte man meinen, die Bösen seien immer die anderen. Ist es aber nicht vielmehr unsere Aufgabe, unseren eigenen Anteil zu erkennen und zu ändern?

    Prof. Dr. Rolf Verleger, Lübeck