Stellungnahme: Hexenjagd an der Freien Universität Berlin

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Mit Entsetzen hat die “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” von der Verleumdungskampagne erfahren, die an der Freien Universität Berlin (FU) gegen die Lehrbeauftragte Eleonora Roldán Mendívil gerichtet ist.

Nach hetzerischen Anwürfen gegen Roldán Mendívil auf einem anonymen Blog sowie in dem rechtspopulistischen, die Politik der AfD und Donald Trumps offen unterstützenden Publikationsorgan “Jüdische Rundschau“ entschied sich die Universität, Roldán Mendívil vorerst die Lehrbefugnis zu entziehen und dies, nachdem Roldán Mendívil zuvor informell mitgeteilt worden war, dass sie im Folgesemester eingeladen werden würde, ihre Lehre fortzuführen. Roldán Mendívil war von der jüngsten Entscheidung nicht einmal selbst informiert worden. Vielmehr erfuhr sie davon nur indirekt, nachdem rechtsgerichtete AktivistInnen mit ihrem Erfolg prahlten, sie zum Schweigen gebracht zu haben.

Roldán Mendívil wird beschuldigt, anti-israelische Ansichten zum Ausdruck gebracht zu haben. Diese Anschuldigungen sind Teil einer rechtsgerichteten pro-israelischen Kampagne, regierungskritische Stimmen nicht nur in Israel selbst, sondern auch in Deutschland zum Schweigen zu bringen. Etliche unserer Stellungnahmen der jüngsten Zeit zeugen von vergleichbaren Anschlägen auf die Meinungsfreiheit. Die Aussagen Roldán Mendívils, die  von der FU zensiert werden sollen, fielen nicht während ihrer Lehrveranstaltung, sondern im Rahmen privater politischer Aktivitäten.

Die Entscheidung der Universität wurde von Prof. Dr. Bernd Ladwig unterzeichnet, der zu Israel nicht forscht und jedwede Qualifikationen zur Beurteilung der Gültigkeit der Aussagen von Roldán Mendivil nicht auszuweisen vermag.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Shir Hever – Mitglied unseres Vorstands – im Verlauf seiner kürzlich erfolgreich am Otto-Suhr-Institut verteidigten Promotion auch eine Lehrveranstaltung dort abgehalten hat, können wir uns nicht des Eindrucks erwehren, dass Eleonora Roldán Mendivil seitens der Universität eine gänzlich andere Behandlung erfährt und dies, obwohl ihre Auffassungen zu Israel/Palästina den Positionen unserer Organisation gleichen. Verfolgt die FU eine Politik, die es nur Lehrenden einer bestimmten ethnischen – oder Geschlechtszugehörigkeit gestattet, kritische Auffassungen zur israelischen Politik zu äußern? Haben rechtsgerichtete pro–israelische AktivistInnen in ihrem Bestreben, durch Einschüchterungen AkademikerInnen zum Schweigen zu bringen, an der FU mit einer jungen weiblichen Migrantin ein besonders leichtes Spiel?

Der vorliegende Sachverhalt geht weit über die Frage der akademischen Freiheit hinaus. Wissenschaftliche Integrität verlangt volle Meinungs- und Redefreiheit für Gelehrte. Die Mitglieder des Otto-Suhr-Instituts, die die Stimme von Roldán Mendívil mit Anschuldigungen zum Schweigen zu bringen versuchen, die jeder faktischen Grundlage entbehren, haben für den fraglichen Bereich keine ausgewiesene Fachkompetenz und untergraben, indem sie sich weigern, ihre Argumente und Methoden offenzulegen, die Glaubwürdigkeit der besonderen Tradition des OSIs als wissenschaftliche Einrichtung sowie der FU insgesamt. Erinnert sei daran, dass beide, die FU und ebenso das OSI in der postfaschistischen Ära der in Entstehung begriffenen Bundesrepublik Deutschland ausdrücklich mit dem Ziel gegründet wurden, Kritik an Herrschaft und Machtmissbrauch zu fördern.

Indem die Universität Roldán Mendívil bestraft, ohne ihr das Recht zuzugestehen, sich zu verteidigen, missachtet sie die ihr obliegende Pflicht zur Fürsorge und zum Schutz gegenüber Beschäftigten sowie zur Verteidigung des Rechts auf akademische Redefreiheit und auf Partizipation von Minderheiten an der akademischen Forschung und Debatte.

Als Jüdische Stimme sehen wir uns nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Roldán Mendívil des Antisemitismus beschuldigt wurde, in der Pflicht, nachdrücklich zu verfechten, dass diese Anschuldigungen falsch und verleumderisch sind. Ebenso weisen wir die zynische Verwendung von Antisemitismusvorwürfen durch feige rechte AktivistInnen zum Zwecke der Rechtfertigung von Zensur der akademischen Freiheit zurück.

Wir lehnen es ab, das Judentum mit dem Ansinnen zu assoziieren, Stimmen von Andersdenkenden in der Akademia zum Schweigen zu bringen.

 

Witch-hunt at the Free University

The Jewish Voice for Just Peace in the Middle East is appalled to hear of the campaign against Eleonora Roldán Mendívil, a guest lecturer at the Free University of Berlin.

After inciting accusations have been directed at Roldán Mendívil in an anonymous blog and by an extreme right-wing publication such as the “Jüdische Rundschau” which openly supports the politics of the AfD and Donald Trump, the university decided to deny Roldán Mendívil the ability to teach any future courses at the university, until a discussion will be held in her absence to decide whether her opinions are accepted by the university. This is after Roldán Mendívil was already informally informed that she will be invited to continue to teach in the next semester. Roldán Mendívil was not even informed as to the new decision, and she learned of it indirectly, after right-wing activists boasted of their victory in silencing her.

The accusations against Roldán Mendívil are that she expressed anti-Israeli views. Those accusations are part of a right-wing pro-Israeli campaign to silence critical voices not just inside Israel but in Germany as well. The statements of Roldán Mendívil which the Free University attempts to censor were not made during her class, but as part of her private political activism.

The university’s decision was signed by Prof. Dr. Bernd Ladwig, who does not research Israel and has no qualifications to assert the validity of Roldán Mendívil’s statements.

As one of the board members of the Jewish Voice for peace, Shir Hever, is a recent graduate of the Otto-Suhr Institute and has also taught a course there, we cannot help but notice the different treatment which the university affords to Eleonora Roldán Mendívil, although her opinions on Israel/Palestine are similar to our organizations’. Does the Free University have a policy which allows only lecturers of a certain ethnicity or gender to express opinions critical of Israeli policy? Do right-wing pro-Israeli activists seek an easy target – i.e. a young female migrant – in their attempt to scare academics into silence?

This affair goes further than the question of academic freedom. Scientific integrity demands that scholars be allowed to express their opinions. The attempt to silence the voice of Roldán Mendívil by members of the Otto-Suhr Institute who have no factual basis for their accusations, no expertise in the subject matter, and who refuse to expose their arguments and their methods undermines the credibility and the very tradition of the Otto-Suhr Institute as a scientific institution, and of the Free University as a whole. One should remember that both the Free University as well as the Otto Suhr Institute were explicitly founded to promote critique of domination and abuse of power in the post fascist era of the democratic Federal Republic of Germany.

By punishing Roldán Mendívil without giving her the right to defend herself, the university has betrayed its responsibility to protect its own employees, to protect the right of free academic speech, and to protect the right of minorities to participate in academic research and debate.

Because Roldán Mendívil was accused of anti-Semitism, we at the Jewish Voice feel obligated to assert that the accusations are false and libelous. We also reject the cynical use of the anti-Semitism accusations by coward right-wing activists in order to justify censorship of academic freedom. We refuse having Judaism falsely associated with the silencing of dissenting voices in academia.

 

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