Ein von der Redaktion der jüdischen Allgemeinen unveröffentlichter Leserbrief.

Berlin, 1. Dezembe2013An den

Zentralrat der Juden in Deutschland

Jüdische Allgemeine

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Leserbrief

Bezug: Artikel zur Nakba-Ausstellung der Organisation „Flüchtlingskinder in Libanon“ von Martin Krauss, am 21.11.2013.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17655

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Erstaunen nahmen wir den Bericht von Martin Krauss „Nakba im Ländle“ von 21.11.13 in Ihrer Zeitung zur Kenntnis. “Erstaunen” deshalb, weil etliche unserer Mitglieder die Ausstellung ebenfalls – manche mehrmals – gesehen und gänzlich anders als Herr Krauss wahrgenommen haben. Die Dokumentation der von den Palästinensern erlebten, als “Nakba” tradierten Vertreibungen und Zerstörungen der Lebensbedingungen nichtjüdischer Einheimischer vor und während der Gründung des Staats Israels wurden inzwischen von Historikern in Israel bestätigt. Auch Politiker, die – in den 40er Jahren – dem zionistischen Programm zum Aufbau eines jüdischen Staats Israel verschrieben waren, leugnen längst nicht mehr gezielte Morde, sowie Ausradierungen ganzer Ortschaften, die als “arabisch” oder “nichtjüdisch” gestempelt waren.

 

Nicht wenige Mitglieder der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost sind Staatsbürger_innen Israels, die israelische Schulen und Hochschulen besucht haben. Im Geschichtsunterricht erinnern sie, wurde etwa von der Operation “Besen” gelehrt, dass sie so hieß, weil bewaffnete israelische Kräfte die Palästinenser regelrecht hinausgefegt hatten. Das ist in Israel auch gar kein Geheimnis und dient in den öffentlich zugänglichen Archiven der israelischen Armee Autoren und Filmemachern, die dieses Verbrechen dokumentieren,  als “historisch verbrieftes” Material. Es stellt sich also die Frage, weshalb Herr Krauss, in der Aufklärung über historische Tatsachen – hier z. B. ein Verbrechen, das selbst von der Täterseite längst nicht mehr geleugnet wird – eine unlautere Indoktrination sieht? Wie hält es Herr Krauss mit der journalistischen Redlichkeit, wenn er historisch anerkannte Tatsachen, so sehr verfälscht, dass selbst für Leser_innen, die in Israel ausgebildet wurden, das Land, von dem im Zusammenhang mit der Ausstellung die Rede ist, kaum noch zu erkennen ist.

Dass die Nakba-Ausstellung über das “Fliehen müssen” von arabischen Juden nicht berichtet, hat zwei Gründe: Erstens ist die Ausstellung der Katastrophe, aus Sicht der nicht jüdischen Palästinenser gewidmet. Zweitens ist bisher außer für eine einzige jüdische Gemeinde in Ägypten keine Vertreibung arabischer Juden aus ihren Heimatländern im Mittleren Osten und Nordafrika bekannt.. Ein aufklärender und vor allem differenzierter Diskurs über die Motive und Bedingungen der Auswanderung arabischer Juden etwa aus dem Irak, aus Jemen, Algerien oder Marokko – sie waren in den Ländern jeweils spezifisch –   wäre unseres Erachtens in Deutschland durchaus von allgemeinem Interesse. Gerne bieten die diesbezüglich historisch Bewanderten in unseren Reihen ihre Mitwirkung an einer differenzierten Aufbereitung der Immigration arabischer Juden nach Israel in der “Jüdischen Allgemeinen” an.

Der undifferenziert polemische, um historische Sachkunde nicht einmal bemühte Bericht von Martin Krauss wird von den Mitgliedern der Jüdischen Stimme kritisiert. Nicht zuletzt da wir Juden historisch oft Opfer von Vertreibung und Verfolgung waren und immer wieder mit der Leugnung dieser Erfahrungen konfrontiert sind, sollten wir die Ausstellung als nüchterne Aufklärung über  – in der Tat erschütternde – Fakten der Geschichte Israels begrüßen. Wir protestieren gegen die Verfälschung der Geschichte Israels und nicht minder die Stereotypisierung von Juden aus den verschiedenen arabischen Ländern, die in einem Topf geworfen und instrumentalisiert werden.

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