Mark Braverman – ein jüdischer Tabubrecher / Ruth Fruchtman

Daß er ein Tabubrecher ist, sieht man Mark Braverman nicht an: Sensible Gesichtszüge, schlank von Gestalt, ein jugendlicher Sechziger, leicht ergraut und dezent gekleidet macht er einen zurückhaltenden, bescheidenen Eindruck. Doch, ohne zu zögern, wirft er die Götzen im Tempel um: „Der echte Jude sei Jesus gewesen“, verkündet er strahlend. „He was the best Jew.“

Mark Braverman ist Amerikaner und Jude. Würden die USA Israel nicht unterstützen, erklärt er, wäre diese verfahrene Politik nicht möglich. Schon durch seine Herkunft ist er mit Palästina eng verbunden: Seine Familie mütterlicherseits wanderte am Anfang des 19. Jahrhunderts aus Osteuropa dort ein. Noch im Osmanischen Reich wurde sein Großvater 1900 als palästinensischer Jude in Jerusalem geboren. Er war der Nachfahre eines berühmten chassidischen Rabbiners, wurde aber als junger Mann mit einer amerikanischen Jüdin verheiratet und zog mit ihr in die Vereinigten Staaten. Als Kind gläubiger, praktizierender Eltern wurde Braverman 1948 in Philadelphia geboren und wuchs in einer traditionell jüdischen Umgebung auf.

Mit siebzehn Jahren besucht er Israel zum ersten Mal: „Ich saß zusammen mit meiner Familie dort, ich sprach hebräisch, ich war sehr romantisch, es war wunderbar. Auf einmal begannen meine israelische Tante und ihre Kinder über die Araber zu sprechen. Das war 1965, ich bin in Philadelphia während der Civil Rights Movement aufgewachsen, und ich weiß, was Rassismus ist. Sie haben über die Araber geredet, wie man bei uns über die Schwarzen geredet hat, und schon damals habe ich mir gedacht: Mit diesem zionistischen Traum stimmt etwas nicht.“

Bald danach lernt er Palästinenser kennen, die ihm von der Vertreibung 1948 – der Nakba – erzählen, trotzdem hat Braverman sich erst 2006 politisch engagiert:

„Als ich die Westbank zum ersten Mal besuchte, war ich schon 58. Es hat bei mir sehr lange gedauert, aber es hat mich immer beschäftigt. Es mußte irgendwie keimen. Und die ganze Entwicklung hat vierzig Jahre gebraucht, auch eine interessante Zahl!“ bemerkt er lächelnd. „Und ich weiß nicht, warum es so lange gedauert hat. Ich war politisch nicht sehr aktiv, aber als ich dann endlich anfing, hat es mich nicht mehr losgelassen. Ich erinnere mich, ich lag im Bett – schon als Endfünfziger – und eine Stimme raunte mir zu: Geh nach Israel, geh nach Israel! Ich habe nicht verstanden, was das bedeuten sollte, ich wußte nur, daß ich nach Israel mußte, um die Fäden wieder aufzusammeln, die ich hinter mir gelassen hatte.“

Als er 2006 aus der besetzten Westbank und Israel in die USA zurückkehrte, wollte er in den Synagogen reden, aber  ihre Tore blieben ihm verschlossen. Er ging also in die Kirchen, zu den Christen. Das Gespräch mit einer palästinensischen Christin in Jerusalem hatte den Weg dorthin vorbereitet. Braverman hatte sie nämlich gefragt, wie sie die Situation nur aushalten könne. Sie antwortete: „Ich folge Jesus.“ Jesus sprach zu seinen Anhängern und seine Botschaft hieß: Kommt aus den Gotteshäusern heraus, helft den Armen, den Unterdrückten. „Jesus war ein palästinensischer Jude“, sagt Braverman. Heute wie damals geht es um Besatzung, um den Aufstand gegen Unrecht. Zu biblischen Zeiten kollaborierte der König Herodes mit den Römern, es gab die korrupten Priester, die Pharisäer, und Jesus widersetzte sich, er war ein Revolutionär.

Braverman erzählt die Geschichte der kleinen Tochter einer Palästinenserin von heute: Als sie mit ihrer Mutter durch Ostjerusalem nach Ramallah fuhr, sah das Mädchen die achtmeterhohe Mauer: „Warum lassen sie die Juden hinter dieser Mauer wohnen?“ fragte sie die Mutter. Die Mauer, die das Westjordanland von Israel trennt, bedeutet nicht nur die Entrechtung der Palästinenser, den endgültigen Verlust ihrer Freizügigkeit und den Raub ihrer Gebiete, sondern das Ghettoisieren der Israelis selbst. Aus der geschichtlichen, zugleich politisch instrumentalisierten Angst heraus verschanzen sie sich hinter Mauern.

Doch auch er trage seit der Kindheit Mauern in sich, sagt Braverman. Diese  Mauern, das sei vor allem die Angst vor anderen Menschen, vor der Außenwelt. Gerade dieses Trennungsmoment, das Sich-Abkapseln von anderen Völkern und Glaubensrichtungen, nicht erst seit 1945, sondern die Jahrhunderte, die Jahrtausende hindurch, macht er den jüdischen Gemeinschaften zum Vorwurf. Für die Juden des 20. Jahrhunderts seien Religion und Politik durch den Zionismus ineinander verstrickt. Jeden Tag beten gläubige Juden für den Schutz und das Wohlbefinden des Staates Israel. Paranoia und die Wiederkehr von Amalek, des biblischen Feinds, der in jedem Jahrhundert wiederaufersteht, um das jüdische Volk zu vernichten, heiße er Pharao oder Haman oder Hitler, Nasser oder Arafat, prägen noch das Denken. Gegen das Heraufbeschwören dieses Gespenst der Paranoia setzt Braverman sich zur Wehr.

Selbst vor der heiligen Kuh, dem Holocaust, schreckt er nicht zurück: „Ich benutze nicht den Begriff Holocaust, ich sage Genozid. Und es hat zahlreiche Genozide – Holocauste – gegeben, davor und danach.“ Aber wenn er Juden anruft, nach vorne zu schauen, sich den anderen Völkern zu öffnen, wirft Braverman den Christen und der Kirche im allgemeinen ihr Schweigen vor. Sie machten sich nicht nur durch ihr Schweigen angesichts der Diskriminierung, Verfolgung und zuletzt der Vernichtung der Juden im Dritten Reich schuldig, sondern auch durch die Jahrhunderte des Anti-Judaismus und Antisemitismus zuvor. Heute, indem sie sich weigern, der menschenverachtenden israelischen Besatzungspolitik entgegenzutreten, wollen sie sich von ihrem Versagen und der Schuld von damals befreien. Das Gegenteil sei jedoch der Fall. Einen Freibrief an Israel erteilen, heile die Wunden von früher nicht. Und das ist vor allem die These seines Buchs: Fatal Embrace – Christians, Jews and the Search for Peace in the Holy Land, das in deutscher Sprache schon vorliegt: Verhängnisvolle Scham – Israels Politik und das Schweigen der Christen.

„Ihr mußt Euer Haus in Ordnung bringen“, erklärt Braverman nachdrücklich. „Ihr müßt euer Kreuz aufheben und es tragen.“ Und das Kreuz von heute, heißt sich dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen, ob durch Israel oder durch jüdische Gemeinden außerhalb Israels oder wen auch immer. Kein leichtes Brot – wenn man die feindseligen Reaktionen auf das Gedicht von Günter Grass im letzten Jahr bedenkt.

Und sicher, der Antisemitismus regt sich weiterhin, schreibt er, und wo er nicht aktiv ist, schlummert er wahrscheinlich. Aber wo bleibt die Gerechtigkeit? Wie sieht es mit unserem Gewissen aus? Angesichts unserer Geschichte voller Verfolgung, Entrechtung, Verschleppung und Erniedrigung und angesichts des immer noch in unserem kollektiven Herzen bohrenden Schmerzes aus der direkten Erfahrung des Völkermords – wo bleibt der Schmerz, wo bleibt das Entsetzen darüber, was in unserem Namen vom Staat Israel einem andern Volk angetan wird? Wo ist das Eingeständnis unserer Gewalttätigkeit?  i

Von Beruf klinischer Psychologe und auf Krisenintervention und Traumatherapie spezialisiert, geht Braverman mit  christlichen und jüdischen Theologen unerschrocken ins Gericht. Sie sind zwar vor allem amerikanische, aber für deutsche LeserInnen ist das auch kein Nachteil. Er setzt sich mit Paul Van Buren, Alwin Rosenfeld, Rosemarie Ruether auseinander, um nur einige zu nennen… die Köpfe rollen. Doch auch mit israelischen Friedensaktivisten und Intellektuellen wie Abraham Burg pflegt Braverman keinen sanften Umgang. Seine scharfsinnige Kritik überstehen wohl nur wenige – unter ihnen Marc Ellis und Sara Roy.

Noch eine heilige Kuh – wohl die allerheiligste – die Besonderheit, die Auserwähltheit des jüdischen Volkes, auch von Christen bejaht und geachtet,  schlachtet Braverman ebenfalls:

Ja, wir haben gelitten. Aber wir sind nichts Besonderes. Die Juden sind Erben einer großartigen religiösen, kulturellen und literarischen Tradition. Aber unsere Glaubenstradition ist nicht außergewöhnlicher als jede andere Glaubenstradition und nicht weniger der Notwendigkeit der Reform unterworfen  

Weder in seinen Vorträgen, noch in seinem Buch erteilt Mark Braverman Rezepte, sondern durchaus nur praktische Hinweise zur Umsetzung seiner Ideen, die er übrigens mit aufgeschlossenen jüdischen Israelis und Palästinensern, christlichen und muslimischen, im Nahen Osten und außerhalb gemeinsam teilt.

Er ist nicht der einzige, der eine Zwei-Staaten-Lösung heute für illusorisch hält. Die Politiker mögen sich noch an diese Idee klammern, nach außen hin die Road-Map beschwören, allein die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland ist bereits so weit gediehen, daß Israel und die palästinensischen Gebiete schon zu einem Staatsgebilde verschmolzen sind. Und wenn Israel und Palästina faktisch ein Staat geworden sind, so heiße dieser Staat Israel und sei bereits ein Apartheidstaat, sagt Braverman. Vergleiche mit Südafrika bieten sich an, vor allem das verbotene Thema: BDS – Boykott, Desinvestment, Sanktionen –, durch die die südafrikanische Befreiungsbewegung tatsächlich Freiheit erlangte.

„BDS ist meiner Meinung nach das Beste, was wir haben. Das ist wirklich unser Weg. Alles, was wir tun, unsere ganze Arbeit mit den Kirchen, mit der Friedensbewegung, mit unserem Bildungsprogramm, damit Menschen dorthin fahren, um selbst ihre Erfahrungen zu machen, all das ist nötig. Aber wir brauchen außerdem eine Bewegung, die kulturellen und akademischen Druck ausübt. Und dafür sehe ich keine Alternative.“

Wie steht es jedoch um die spezifisch psychologischen Probleme eines Boykotts israelischer Produkte in Deutschland, selbst wenn die Produkte aus den illegalen Siedlungen in der Westbank importiert sind? Während Desinvestment sich auf Firmen bezieht, die von der israelischen Besatzung der Westbank profitieren, auch deutsche Firmen, ist der kulturelle Boykott israelischer Akademiker und Künstler, Hochschulen und anderer israelischer Bildungseinrichtungen besonders problematisch. Selbst in oppositionellen jüdischen Organisationen ist er nicht unumstritten. Und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern wegen der Assoziationen mit der Nazizeit. Aber Braverman zeigt sich rücksichtsvoll:

„BDS ist wie ein großes Zelt. Du kannst eintreten und das Zelt übernehmen oder du kannst lediglich hineinschnuppern. Du kannst sagen: Ich boykottiere nur die Produkte aus den Siedlungen! Das ist völlig in Ordnung! Alles ist gut! Diese ganzen Boykottaktionen werden keine ernsthaften wirtschaftlichen Folgen für Israel haben. Aber das ist nicht der Punkt. Ich sage nur, wenn du’s machen willst, tue es!“

Die Effektivität eines Boykotts wird sich durch die zunehmende Isolierung des israelischen Staats zeigen, und gerade das soll wehtun. Mehr kann man sich dadurch nicht erhoffen, allein Braverman hält den Boykott für ein notwendiges Mittel, das zum friedlichen Widerstand gehört und unterstützt deshalb das Kairos-Dokument: „Ein Schrei der Hoffnung“ – Kairos: „eine letzte Heilsmöglichkeit“, den Aufruf palästinensischer Christen zu Boykottmaßnahmen 2005/6.

„Meiner Meinung nach wird jede israelische Regierung sein wie die letzten, solange Israel nicht der zionistischen Ideologie eine Absage erteilt. Ich glaube schon, daß Israel eine Zukunft hat, aber es muß ein anderes Israel werden, ein besseres Israel.“

Ist Mark Braverman nur ein hoffnungsloser Idealist, deren Träume keine Aussicht auf Erfüllung bringen? Oder ein Ketzer?

„Ich suche ein Judentum, das mich nicht von der restlichen Menschheit trennt“, sagt er. „Und ich glaube, daß das das wahre Judentum ist. Ich glaube, daß Jesus gerade dieses Judentum anstrebte, ein universales Judentum. Ich teile die Meinung von Marc Ellis, der das Konstantinische Judentum vom Kommunalen Judentum unterscheidet. Er redet auch über das Konstantinische Christentum und den Konstantinischen Islam, es trifft also auf alle drei Gruppen zu: Willst du eine universale Herangehensweise oder bleibst du bei deinem Stammesdenken? Uns oder sie? Und es heißt nicht jüdisch oder christlich sein, muslimisch oder buddhistisch wie auch immer. Ich werde immer jüdisch sein. Immer. Es ist meine Identität. Die einzige Frage ist: Was für ein Jude werde ich sein?“

Mark Braverman bewundert vor allem die jüdischen Propheten. Kann es sein, daß er selber ein Prophet ist, ein zeitgenössischer, und man ihm als solchem zuhören soll?

Anfang März wird Mark Braverman seine Deutschland-Vortragsreise antreten.